Von Manfred Sack

Zu Füßen eines enthusiasmierten Publikums standen auf einem etwa zwölf Meter langen Tisch Gläser, Bottiche, Bunsenbrenner, Ständer, Mixturen. Ein Glaskasten, in dem eine Flüssigkeit bläulich vor sich hinbrodelte, trug die Aufschrift "Bitte nicht berühren", an der Seite war zu lesen "Vorsicht explosiv". Eine junge Dame und ein junger Mann in weißen Kitteln hantierten mit äußerster Geschäftigkeit, und dann, punkt zwölf Uhr, erschien der Professor. Was sich dann in diesem großen Hörsaal vor Eltern mit Kindern, Witwen, Schülern, Pensionären, vor Bürgern jeglicher Schattierung zutrug, genügte allen Erwartungen, die man an einen grandiosen Zauber zu knüpfen pflegt.

Aus farblosen Flüssigkeiten wurden bunte, die aussahen wie Säfte aus Pampelmusen, Mohrrüben, schwarzen Johannisbeeren. Knallgas explodierte. Eine mit flüssigem Sauerstoff getränkte Zigarre wurde angezündet und durchschmolz Zinkblech ("Sie sehen also, man kann auch mit Wasser Brände erzeugen"). Staub zerbarst in einem Eimer ("Schade, meist fliegt der Deckel bis unter die Decke"). Ein Kanister Blut vom Schlachthof zersetzte sich und quoll widerlich aus einem Topf, eine andere Mischung ("Ich bitte Sie also, den Mund zu öffnen, damit Ihr Trommelfell nicht beschädigt wird") detonierte sehr laut. Es qualmte, zischte, leuchtete bengalisch, und nach einer Viertelstunde hustete das ganze Auditorium, das gleichwohl jedes Ereignis mit Beifallklopfen wie die Künste eines Magiers im Varieté quittierte.

Aber das Stichwort hieß hier anders: Einführung in das Studium der Chemie, geschehen zum "Tag der offenen Tür", den die Technische Hochschule Braunschweig seit Jahren mit gutem Erfolg veranstaltet. Was dieser vier Stunden dauernde Tag bewirken soll, sagte Professor Dr. Ing. Löhner, Prorektor der TH, so: "Wir öffnen die Türen der Hochschule für die Schüler von Gymnasien, Mittel- und Berufsschulen, um ihr Interesse zu wecken und ihnen die Berufswahl zu erleichtern, wir tun das freilich auch für, nun: für den Bürger überhaupt, der diese Hochschule mit seinen Steuern erhält – damit er sehe, was damit getan wird."

Dieser "Tag der offenen Tür" ist in der Tat eine der besten Arten dessen, was man "Public Relations" oder "Öffentlichkeitsarbeit" nennt. Die sechzehn Institute zeigten, was ihre Dozenten und Studenten treiben, und sie versuchen, sich verständlich zu machen. Sie hatten ja "Laien" vor sich, interessierte Mitmenschen jedenfalls. Doch im Umgang mit ihnen offenbarten sich mancherlei Schwierigkeiten, genauer: Verständigungsschwierigkeiten.

Daran gemessen hatten es die Chemiker am leichtesten; ihre "Show" war mit "Gags" übersättigt, sie wurde zum Publikumsschlager. Ich zweifle nicht daran, daß Professor Spandau als Unterhalter tagelang ausverkaufte Häuser hatte. Bei diesem sicheren Erfolg hätte er es sich leisten können, ein bißchen mehr darüber zu sagen, was Chemie heutzutage für unser Leben bedeutet. Hier hatte ich das Gefühl, seine Zuhörer empfanden diese Disziplin allzu sehr als einen grandiosen Spaß.

Wer sich hernach ins Botanische Institut begab, konnte da leicht in Mitleid und Selbstmitleid verfallen – dies, weil er die Fremdsprache der Biochemiker nicht verstand, jenes, weil die Wissenschaftler ihre Terminologie nicht zu übersetzen vermochten.