Von Karoll Stein

Eine Internationale auf der Höhe der Zeit – das war die Intention des Verbands Bildender Künstler in der DDR, als er zur „Intergrafik 67“ einlud. 459 Künstler aus 39 Ländern sind mit rund 1000 Arbeiten der Einladung gefolgt. Keine Jury, keine kunstideologischen Theoreme im Sinne eines dogmatischen Realismus sollten den globalen Überblick verstellen, der die zeitgenössische Graphik weltweit im Dienst des Friedens sehen möchte. Im Vergleich zur „Intergraphik 65“ sind denn auch die Akzente deutlich zu Gunsten der nichtsozialistischen Länder verschoben.

Viel Ballast ist in die monströse Schau geraten, weniger wäre sicher mehr gewesen. Doch nimmt man auch das Überflüssige und Belanglose in Kauf, denn nur durch den Verzicht auf eine Jury ist es möglich geworden, westliche und östliche Kunst jenseits aller ideologischen Schranken zusammenzubringen. Zum erstenmal kann man sich in Ostberlin ausführlich über aktuelle Tendenzen westlicher Kunst orientieren.

Die gegenstandslose Malerei mit allen Spielarten bis zur monochromen ist nicht mehr tabu, die Bundesrepublik steuerte Pop-Varianten bei, und, eine kleine Sensation, zum erstenmal sieht man in Ostberlin Vasarely, eine Serigraphie von 1966 „Quadrat in Blau“, ein rein visuelles Experiment. Die – Franzosen stellen mit 59 Künstlern das stärkste Kontingent, unter ihnen André Masson, Jean Pons, Pablo Picasso. Der Künstler jedoch, der in Ostberlin am schönsten und ausführlichsten präsentiert wird, ist Rolf Nesch. Ihm ist eine ganze Wand gewidmet: sechs großformatige Farbmetalldrucke von 1966. Mit Witz und technischem Raffinement bringt Nesch seine skurrilen Einfälle ins Bild, ein Schlangenfresser, der prämiierte Ochse, ein wild zerzauster Hahn, bunt und unbekümmert und ein wenig verspielt.

Aber auch dem Besucher aus dem Westen kommt das bunte Allerlei zugute. Für ihn ist die Ostberliner Ausstellung trotz aller Zufälligkeit des Arrangements eine Gelegenheit, die zeitgenössische Kunst so entlegener Länder wie Indien, Kambodscha, Australien, vor allem aber der südamerikanischen Staaten wenigstens auf dem Wege über die Graphik kennenzulernen. Der formale Kanon der internationalen Moderne ist ebenso verfügbar wie die tradierten Formen der eigenen Kultur; das Emblem kommt ins Spiel und das abstrakt-geometrische Ornament, das etwa in den Holzschnitten von Miguel Kohler-Jan aus Uruguay zur seriellen Komposition führt. Mir fiel ein Blatt des Argentiniers Antonio Berni auf, „Der Beichtvater von Ramira“. Technik und Stil zeigen eine verblüffende Nähe zu Nesch. Aber bei aller spielerischen Freude am klerikalen Detail setzt der Argentinier seine Mittel pointierter ein, Neschs anekdotische Heiterkeit wird bei Berni zur gezielten Satire.

Jenseits aller ästhetischen Kategorien stehen die farbigen Holzschnitte aus Nordvietnam. Titel wie „Kinder tarnen sich gegen Flieger“ oder „Ausbesserung einer Straße nach einem feindlichen Luftangriff“ zeigen die Thematik, die die Vietnamesen ausschließlich beschäftigt, eine Thematik, die in den überlieferten Formen ostasiatischer Kunst vorgetragen wird, ohne jedes Pathos, eher still und defensiv. Die Erschütterung, die von diesen aus dem Impuls einer direkten Erfahrung entstandenen Darstellungen ausgeht, ist geeignet, einige europäische Vorstellungen von engagierter Kunst zu relativieren, manche subjektiv löbliche Manifestation des guten Willens als rührseliges Klischee zu dekuvrieren.

Das Extrem eines pathetischen Heroismus markieren die Nordkoreaner, grelle Kampfszenen, wie man sie vor einigen Jahren bei den sowjetischen Künstlern sah. Aber die Russen sind inzwischen sanftmütig geworden; die Zeit eines platten Realismus, in der künstlerische Qualität mit propagandistischer Effektivität gleichgesetzt wurde, scheint vorüber. Man knüpft an die russische Plakatkunst der zwanziger Jahre an, so Dimitri Bisti in seiner Illustrationsfolge zu Lenin.