Professor Dr. Peter Wapnewski ist Ordinarius der Germanistik an der Freien Universität

Eben, Sonntag mittag, komme ich vom Kurfürstendamm. Am Nachmittag des Sonnabends hat der Senat beziehungsweise die Polizei ein Demonstrationsverbot ausgesprochen. Was meinte der Regierende Bürgermeister Albertz beziehungsweise der Polizeipräsident eigentlich damit? Sind es wieder nur leere Worte, die wir von Albertz genauso wie von seinem Vorgänger Brandt als Beruhigungspillen verordnet bekommen? Wir, die arbeitende Bevölkerung, haben es satt, uns von den dummen Jungen, die erst einmal hinter den Ohren trocken werden sollten, terrorisieren zu lassen. Wann greift die Polizei endlich mit einem harten Besen durch? Diese Lümmel, die auf Kosten der Steuerzahler ein nicht gerade schlechtes Leben führen, sollte man einmal für ein Jahr ins Arbeitshaus sperren, damit sie wieder zur Vernunft kommen. Es ist nur eigenartig, daß es immer wieder dieselben sind, die den Mund groß aufreißen. Ob es Vietnam oder der Schah von Persien ist – einen Grund finden sie immer. Ich kann mir nicht helfen: Ob in der Lehre oder bei der Vorbereitung zum Meister, ich habe keine Zeit gefunden, um auf der Straße zu krakeelen. Die Herren Studenten, die Gast in unserer Stadt sind, und von unseren Steuergroschen leben, sollten daran denken, daß unsere Geduld jetzt ein Ende hat. Ich verspreche es hiermit schriftlich: Jeder, der mir bei neuen Pöbeleien unter die Finger gerät, bekommt das erste Stück Knüppel um die Ohren. Eine andere Sprache wollen sie ja nicht hören. Wir sollten vom Senat fordern, daß ein generelles Arbeitsverbot für die Studenten verhängt wird. Denn Störenfriede, die unsere mit viel Schweiß und Arbeit errungenen Sicherheiten zerstören wollen, gehören nicht in unsere Stadt und schon gar nicht an Arbeitsplätze, wo sie mit ihren nachgeplapperten Schulweisheiten vielleicht noch Dumme finden, die ihnen auf den Leim gehen könnten. Sie sind nichts, sie haben nichts (außer einen wirren Kopf) und wollen uns beibringen, was Demokratie ist. Ich habe in der Bekanntschaft einen Studenten, der am Sonnabend auch seinen Mund groß aufmachen mußte. Er will Lehrer werden. Gott behüte meine Kinder vor solchen Pädagogen. Das mußte ich mir von der Seele schreiben.

Dieser Leserbrief erschien am 7. Juni unter der Rubrik „Stimmen aus der Bevölkerung“ im Berliner Tagesspiegel, einer der wenigen unabhängigen Berliner Zeitungen. Und es war diesen „Stimmen“ die Bemerkung der Redaktion vorausgeschickt, es könne eine jede von ihnen „im sachlichen Gehalt der Darstellung und der Argumente als typisch für bestimmte Meinungsgruppen angesehen werden“.

In der Tat, das gilt auch für diesen Brief. Was ist geschehen in Berlin; mit Berlin?

Die faktischen Ereignisse insbesondere des 2. Juni brauchen hier nicht in ihrer Schrecklichkeit dargestellt zu werden. Sie sind berichtet worden, und was bisher noch ungeklärt ist, wird, so steht zu hoffen, mit aller Deutlichkeit geklärt werden. Hier geht es um die Feststellung, daß die Menschen in dieser Stadt nicht mehr dieselben sind wie zuvor. Daß Verwirrung und Unsicherheit sich zusammengeballt haben und sich nunmehr zu artikulieren drohen in Haß und Verachtung. Und daß der mauergeteilten Stadt eine weitere Mauer droht, die sich aufrichtet zwischen der Bevölkerung und ihren Studenten.

„Ihren“ Studenten? Diese Studenten wissen zu berichten, daß es gegenwärtig gefährlich sein kann, sich als Student zu identifizieren – und der zitierte Leserbrief liefert den Beleg für solche Erfahrung. Einer der Gründe für diese erschreckende Entwicklung liegt in der Pressesituation des freien Berlin. Sie nutzt nämlich nicht ohne weiteres die Möglichkeit der freien Information. Es mag ein wenig nach Versimpelung klingen, wenn man immer wieder Springer verantwortlich macht – aber es bleibt dennoch richtig, daß seine Presse einer der Hauptverantwortlichen ist. Er, der sonst so tapfer vom Überwinden der Mauern zu räsonieren weiß, hat hier eine neue gezogen und mit seiner 70prozentigen Majorität im Zeitungswesen der Stadt eine Atmosphäre feindseligen Mißtrauens gegen die Studenten geschaffen und geschürt. Die „Radau-Universität“, so sieht sich die FU qualifiziert, und geschickt wird das Urteil lanciert, daß „die Studenten“ insgesamt das seien, was einige Gruppen in einigen Aktionen in der Tat waren: „chaotisch“, „anarchistisch“, „aggressiv“. Nachdem das Furchtbare aber geschehen, der stille, ernste und gescheite Student der Germanistik Benno Ohnesorg von der Kugel aus einer Polizeipistole getötet worden war – wußte da Bild als Signal des Mitempfindens’, als Versuch zur Klärung durch Information zu sagen? Schlagzeile: „Studenten drohen: Wir schießen zurück“ (Anrufer hatten offenbar die Redaktion wissen lassen, daß sie Gaspistolen würden gebrauchen wollen).

Da werden auch die Korrespondenten der jüngst preisgekrönten Welt nicht zurückstehen wollen – und sie tun es wirklich nicht. Freilich bemüht sich die letzte bemerkenswerte Äußerung um Gerechtigkeit – sie bezieht nämlich die Professoren ein in das Verdammungsurteil. Am 7. Juni war in der Welt zu lesen: „Schließlich sollte auch einmal festgehalten werden, daß die Westberliner Professorenschaft nicht ohne Schuld an den unglücklichen Verhältnissen ist: Es gibt unter ihr überdurchschnittlich viele Ordinarien, die ihre pädagogische Hauptaufgabe in der ‚Einübung des Ungehorsams‘ sehen.“ Das ist wohl wahr: Die Schärfung eines kritisch kontrollierten Mißtrauens gegenüber jedweder Gehorsam fordernden Instanz gehört zum Mandat „überdurchschnittlich“ vieler Ordinarien (und es ehrt Helmut Gollwitzer, daß er in jenem Artikel namentlich denunziert wird).