Von Marcel Reich-Ranicki

Wann lohnt es sich, einen Autor zu verreißen? Tut der Kritiker recht, die Aufmerksamkeit des Publikums auf einen Gegenstand zu lenken, den er für minderwertig oder gar miserabel hält? Ist es nicht vernünftiger und nützlicher, dreihundert Zeilen über ein gutes Buch zu schreiben als hundert oder auch nur fünfzig über ein schlechtes? Verrisse – wozu eigentlich und für wen?

So einfach die Fragen, so schwierig ihre Beantwortung. Sie hängt vor allem von den Ansprüchen ab, die man an die Kritik überhaupt stellt. Und diese Ansprüche haben fast immer mit den Erwartungen zu tun, die man an die Literatur knüpft. Was auf den ersten Blick ein eher praktisches Problem im Alltag der Redakteure und Rezensenten scheint, rührt bei näherer Betrachtung unversehens an Fundamentales – an die Möglichkeiten und Aufgaben der Dichtung und an die Funktion der Kritik.

Aber welche Funktion ihr auch zugeschrieben wird – auf jeden Fall sollte eine literarische Öffentlichkeit die Arbeit jener kontrollieren, die über keinen Kodex verfügen und doch Urteile zu fällen haben. Daher muß diese Öffentlichkeit von Zeit zu Zeit zur alten Frage nach dem Wert und Unwert der Verrisse zurückkehren.

Sie wird jetzt von Hans Mayer gestellt – mit einem Buch, das Kurioses enthält, aber weit mehr ist als eine Sammlung literarhistorischer Kuriositäten –

„Große deutsche Verrisse von Schiller bis Fontane“, herausgegeben und eingeleitet von Hans Mayer; Sammlung insel 25, Insel Verlag, Frankfurt; 164 S., 6,– DM.

Unter den neun Kritiken, die der Band vereint, befinden sich berühmte Stücke und auch solche, die in den Gesamtausgaben ihrer Verfasser ebenso zugänglich wie verborgen waren. Indes werden alle Arbeiten durch den Zusammenhang, in dem sie hier auftauchen, in ein neues Licht gerückt.