Von Hans Apel

Politik ist Kunst des Möglichen. Mögliches aber liegt im Tatbestand verankert; ist er nebelhaft oder wird er ignoriert, so wird aus der Kunst des Möglichen die Illusion des Unmöglichen. Der Tatbestand, von dem die Möglichkeiten jeder neuen Deutschlandpolitik entscheidend abhängen, ist die vorläufig nicht mehr reversierbare Existenz des zweiten deutschen Staates. Was man bisher in Bonn sehen wollte, waren nur morsche Fundamente: eine innere Opposition gegen Regime und System, die formell immer noch auf 90 Prozent geschätzt wird; eine von „Plan-Chaos“ gesteuerte Wirtschaft, der man erst neuerdings gelegentlich attestiert, daß sie fähig gewesen ist, eine anerkennenswerte Aufbauleistung zu vollbringen.

Ich habe die Möglichkeit gehabt, die ganze DDR-Landschaft frei, unbehindert und unüberwacht in Abständen von je zwei Jahren bisher dreimal eingehend zu inspizieren. Dabei ergab sich jedesmal auch die Gelegenheit zu einer einigermaßen systematischen Meinungsumfrage unter den Menschen, denen ich begegnete. So kam es zu insgesamt mehr als 650 Gesprächen mit Bewohnern in allen Teilen des Landes und aus allen Ständen, die keinen Anlaß hatten, dem einwandfrei identifizierten Besucher im ausländischen Wagen unter vier Augen nicht ihr Herz auszuschütten; von diesen Gesprächen fanden knapp siebzig im Juli 1962 statt, ungefähr zweihundertzwanzig im März 1964 und schließlich dreihundertfünfundsechzig im Juni 1966.

Im Juli 1962 hatte die sogenannte „Versorgungskrise“ als Folge der katastrophalen Mißernte des Vorjahres gerade ihren Höhepunkt in der DDR erreicht. Milch und Butter, Fleisch und Eier, ja sogar Kartoffeln waren wieder rationiert, die Rationen oft aber kaum erhältlich. Verständlicherweise war dies Gesprächsthema Nummer eins. Die „staatsfeindlichen“ Elemente ebenso wie die Skeptiker aller Art sahen darin die endgültigen Vorboten des erwarteten Fiaskos; die junge Parteigarde war trotzdem zuversichtlich, während die ältere zum mindesten vorgab, es auch zu sein; in dem großen Bereich dazwischen war man entweder verärgert oder verstimmt, oft aber auch recht passiv – ganz, wie man sich selbst von den Vorgängen betroffen fühlte.

Gemessen an jedem Einzelfall erschien mir die „Krise“ viel geringer als der Lärm, mit dem sie im allgemeinen quittiert wurde. Ich traf nicht einen, der von Hunger oder wirklicher Entbehrung sprach, denn für das, was jeweils besonders fehlte, gab es immer hinreichenden Ersatz; auch nur relativ wenige zahlten mit der Mühe längeren oder öfteren Anstehens, als sie es sonst gewohnt waren; viele ließen ohne besonderen Mißmut einmal mehr in der Woche die Fleischmahlzeit ausfallen, denn „wir haben ja auch früher nicht alle Tage Fleisch gegessen“; schließlich war auch die Antwort keineswegs selten, daß „wir gar nicht klagen können, denn wir haben bisher immer bekommen, was wir brauchten“.

Die Antworten, die mir von einem an meinem Tisch sitzenden Lkw-Fahrer lauthals und ungeniert in einem kleinen, dichtbesetzten Chausseegasthaus auf meine Fragen gegeben wurden, waren ebenso aufschlußreich wie in ihrer Naivität belustigend: