Der Schüler setzt den Maßstab

Von Ruth Herr mann

Fernunterricht ist eine Unterrichtsart, bei der eine räumliche Distanz zwischen Lehrendem und Lernendem durch ein geeignetes Medium oder mehrere geeignete Medien überbrückt wird.“ So definiert Rudolf Manfred Delling eine Bildungs- und Fortbildungsmethode, mit der in der Bundesrepublik etwa 300 000 Menschen versuchen, mehr zu lernen, um mehr zu werden, mehr zu verdienen. Ein Drittel dieser Heimlerner ist Kunde eines einzigen (Hamburger) Instituts.

Die Distanz zwischen Lehrer und Schüler, allgemein als Respekt verstanden, ist bei dieser Unterrichtsmethode also räumlich. Das „Medium“ ist bedrucktes Papier, der Lehrer verschickt seine Aufgaben per Post, der Schüler paukt in den eigenen vier Wänden. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, jener Grund-Satz, der Pennälern so schwer einleuchtet, hier, bei den Bernschülern paßt er wie maßgeschneidert. Und das nicht nur nach Meinung des Fernlehrers. Seine Schüler wären ja keine, wären sie davon nicht überzeugt. Sie sind Erwachsene, für sie ist das „Leben“ des lateinischen Sinnspruchs die Existenz. Beruflicher Aufstieg ist in den meisten Fällen das Klassenziel.

„Zwischen der Studiendauer der intelligentesten und der am wenigsten intelligenten Schüler muß eine Diskrepanz entstehen“, heißt es in einer Werbeschrift für den Fernunterricht. Wie wahr. Und wie wenig anders, als beim Unterricht alter Schule. Doch wer ein schlechter Fernschüler ist, bleibt nicht sitzen. Er sitzt nur länger.

Die Sache geht so vor sich: Ein Mensch, der wissen und können möchte, was er nicht weiß und nicht kann, sei es aus purem Wissensdrang oder um einen besseren und besser bezahlten Job zu bekommen, der aber nicht studieren kann oder möchte, der nicht die Volkshochschule besuchen kann oder will, der auch nicht ohne Anleitung lesen und lernen will, sucht sich im Lehrgangsverzeichnis eines Fernlehrinstituts den Beruf aus, nach dem er strebt, oder das „Klassenziel“, das ihm die Voraussetzung liefern soll.

Alphabetisch geordnet findet er in der Broschüre „Berufserfolg für Sie“ zwischen „Abitur“ und „Zimmermeister“ nahezu alles, was ihm, wenigstens theoretisch, zu lernen und zu werden möglich ist, auch wenn seine beruflichen Sehnsüchte sehr spezieller Natur sind. Vielleicht will er Kautschuktechniker werden? Oder Filialleiter im Textileinzelhandel? Sie, bisher vielleicht Hausfrau oder Straßenbahnschaffnerin, möchte zum Beispiel Direktionssekretärin werden oder nur „Allgemeinbildung“ erwerben? Im Verzeichnis, das den halben Umfang eines Versandhauskatalogs hat, findet sich, was der Fernlehrer zu bieten hat, und mit großer Wahrscheinlichkeit, was den Lernwilligen zum Fernschüler macht, wenn er seinen Lehrgang ausgesucht und bestellt hat.