Von Kai Hermann

Es ist ein sinnloses Unterfangen, in den sinnlosen Tod Benno Ohnesorgs Sinn hineininterpretieren zu wollen. Er starb, weil Polizeibeamte versagten. Nicht, weil Studenten das Demonstrationsrecht mißbrauchten – wie Berlins Regierender Bürgermeister noch immer meint behaupten zu müssen. Und nicht für die Sache jener Pop-Revolution, die milieugeschädigte Direktorensöhne der "Kommune I" vor dem Café Kranzler inszenieren möchten.

Was vor der Berliner Oper hätte deutlich werden können, sind Krisen, die man bisher beharrlich verschwiegen oder weggelogen hat: die Krise der westdeutschen Universität und ihrer Studentenschaft, jene Krise, die verschwommen mit Generationskonflikt umschrieben wird, die Krise der Teilstadt Westberlin, die, um den Antikommunismus betrogen, an politischer Auszehrung dahinsiecht, die Krise ihrer miserabel geführten Polizei.

Berlins Politiker – und nicht nur sie – bewiesen in ihrer Mehrheit, wie wenig "heilsam" der tödliche Schuß sein wird, wie wenig bereit sie auch nur zur Analyse sind. Als Repräsentant der Ignoranz reduzierte der sozialdemokratische Abgeordnete Herbert Theiss die Probleme auf den Kampf der "arbeitenden Menschen" gegen eine Minderheit, die "die Stadt in eine Katastrophe zu stürzen" drohe. "Ausscheiden" müsse man die Unbelehrbaren, die gesellschaftliche Umschichtung wollen" – dorthin schicken, von wo "sie ihre Aufträge haben".

Das Krankheitsbild ist überdeutlich geworcen, nachdem der Kriminalobermeister von seiner Dienstwaffe Gebrauch machte. Von der Therapie scheint man jedoch weiter entfernt denn je. Konzeptionslosigkeit demonstriert die politische Führung, und Ratlosigkeit zwingt die Studenten auf die Straße.

Daß Tomaten, Milchtüten, dann Steine geworfen wurden und schließlich ein tödlicher Schuß gefallen ist, weiß man. Daß da nicht nur eine kleine Minderheit "stört", die nicht rechtzeitig "mit hartem Besen ausgekehrt" wurde, begreifen einige allmählich. Die Solidarisierung einer Mehrheit der Studentenschaft mit den "Randalierern" war der eigentliche Schock.

Geht es dieser Studentengeneration nicht besser als irgend einer vor ihr? Stipendien, Wohnheime, Gebrauchtwagen, politische Stabilität. Die Kriegsgeneration ist fassungslos und weist auf das eigene schwere Los: Hunger, Aufbau der Universitäten aus Trümmern, Kampf um Freiheit gegen den Kommunismus. Die Studenten der fünfziger Jahre berufen sich auf ihr Vorbild: hartes Studium, schnelle Examen, Karriere. Die Älteren können, nicht begreifen, wie da eine neue Generation nach Weimarer Republik, Nazismus und Zusammenbruch bewußt Unruhe schaffen kann. In Berlin hat man längst eine Erklärung parat: politische Wohlstandskriminalität. Von studentischen Demonstranten als Kriminellen sprachen Presse und Regierung.