H. K., Luxemburg, im Juni

Europa ist sich in den Krisentagen wieder einmal in aller Schärfe bewußt geworden, wie ohnmächtig es ist: wie sehr ohne Macht. Kein europäischer Staat hat sich entscheidend engagiert – weil keiner imstande wäre, für sich allein erfolgreich einzugreifen. Es ist eine alte Erfahrung: wer nicht kann, verlernt zu wollen.

Der gemeinsame Nenner der Europäer war die allen gemeinsame Schwäche, ihre Unfähigkeit etwas Entscheidendes zu tun zur Sicherheit ihrer Freunde, ja zu ihrer eigenen. Sie konnten versuchen, „Einfluß“ zu suchen – das Metier aller Mediokren.

In Rom haben die Staats- und Regierungschefs einen neuen vorsichtigen Anlauf zu politischer Zusammenarbeit unternommen. Jetzt wäre die Stunde dafür. Nicht irgendwann im Laufe dieses Jahres, sondern sehr bald. Gemeinsam, und wenn irgend möglich zusammen mit den Briten, hätten sie Gewicht. Jetzt würde es von der öffentlichen Meinung verstanden, wenn sie zusammen handelten.

H. B., Brüssel, im Juni

Nach dem Abebben des Waffenlärms im Nahen Osten beginnt das Erwachen der Europäer. Mißvergnügt, betroffen und ein wenig erstaunt erkennen sie, daß eine sehr knappe Düsenjäger-Stunde entfernt ein Gefahrenherd zu glühen begann, Europa aber an der Löschaktion überhaupt nicht beteiligt war. Jean Monnets Aktionskomitee für die „Vereinigten Staaten von Europa“ ruft die Europäer jetzt auf, in der internationalen Politik mit einer Stimme zu sprechen. Die Forderungen erhob der Ausschuß in Brüssel: Den beschleunigten Beitritt Großbritanniens zur EWG, ohne weiter auf die „Konsolidierung“ der Sechsergemeinschaft zu warten; ein Programm zur technologischen Entwicklung des gegenüber den USA und der Sowjetunion immer rückständigeren Europa; ein paritätisch besetztes „Verständigungskomitee“ zwischen den USA und der EWG zur objektiven Prüfung und Erörterung der Streitfragen und der aus gemeinsamen Interessen erwachsenden Aufgaben, etwa der Entwicklungshilfe; Bildung eines Kooperationsausschusses mit der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten für ständige Konsultationen über gemeinsame Wirtschaftsinteressen, die Erweiterung des Austausches von technologischen Kenntnissen und von Waren.

Monnets Aktionskomitee will die Parlamente mobilisieren. Die Mitglieder – Abgeordnete aus allen sechs EWG-Ländern – wollen vier Resolutionen in den Volksvertretungen zum Beschluß einbringen, um die europäisch-müden Regierungen zu ermuntern.