Einen wesentlichen Anreiz, Wärme-Kameras immer weiter zu verfeinern, bot ihre militärische Verwendbarkeit. Infrarot-Kameras in Erdsatelliten beispielsweise, die in mehreren hundert Kilometern Höhe um die Erde kreisen, können den Feuerstrahl startender Raketen wahrnehmen. Infrarot-Fernrohre ermöglichen es, anschleichende Soldaten auch in dunkelster Nacht noch deutlich zu erkennen: Die Wärme, die ihr Körper ausstrahlt, verrät sie.

Die ersten Infrarot-Bilder für medizinische Zwecke stellte der kanadische Chirurg Dr. Ray Lawson am Royal Victoria Hospital in Montreal her. Lawson suchte nach Möglichkeiten, Brustkrebs frühzeitig zu diagnostizieren. Der Forscher konnte nachweisen, wie er 1957 berichtete, daß eine Krebsgeschwulst mit ihrem besonders aktiven Stoffwechsel die Temperatur der Haut über der Geschwulst erhöht. Lawson war es, der die Bezeichnung "Thermographie" für das neue Untersuchungsverfahren prägte.

Andere Forscher griffen die Anregung auf. Im Dezember 1963 trafen sich Thermographie-Pioniere in New York zu einem Symposion, auf dem sie erste Erfahrungen austauschten. Seitdem hat sich der Kreis der Mediziner, die sich mit Thermographie beschäftigen, schnell erweitert.

Einen Überblick über die Möglichkeiten, welche die Thermographie heute in der Medizin bieten, gab Anfang dieses Jahres in der Zeitschrift "Scientific American" der amerikanische Radiologe Jacob Gershon-Cohen von der Temple University in Philadelphia. Gershon-Cohen und seine Mitarbeiter haben in den letzten fünf Jahren 5000 Patienten thermographisch untersucht. "Wir haben gefunden", schrieb der Radiologe, "daß die angemessene Interpretation der Thermogramme deutliche Hinweise auf die Diagnose, die Prognose und die Behandlung vieler Krankheiten gibt."

Bei 95 Prozent aller Krebsgeschwülste der Brust, so fanden die Forscher, ist die Temperatur der darüber liegenden Haut um mindestens ein Grad Celsius erhöht, verglichen mit den umgebenden Hautpartien oder der entsprechenden Region der anderen Brust. Die Temperaturerhöhung markiert sich auf den schwarz-weißen Thermogrammen deutlich als heller Fleck. In Philadelphia und New York werden zur Zeit die Voraussetzungen geprüft, unter denen die Thermographie für Reihenuntersuchungen auf Brustkrebs bei anscheinend gesunden Frauen eingesetzt werden kann.

Auch andere Krebsgeschwülste entlarvt der Thermograph. Besonders bösartige leberfleckähnliche Hautgeschwülste, sogenannte Melanome, unterscheiden sich im Thermogramm deutlich von harmlosen Leberflecken. Blutgefäßreiche Hirngeschwülste zeichnen sich im Thermogramm des rasierten Schädels ab. Auch Schilddrüsenkrebs offenbarte sich auf Wärmebildern.

Thermographische Untersuchungen an schwangeren Frauen vermögen eine Lage der Plazenta zu enthüllen, die Komplikationen bei der Geburt des Kindes erwarten läßt. Solche Unregelmäßigkeiten lassen sich zwar auch durch Röntgenstrahlen oder radioaktive Isotope feststellen. Die Thermographie macht es jedoch überflüssig, das ungeborene Kind ionisierender Strahlung auszusetzen. Das ist überhaupt der besondere Vorzug dieses Untersuchungsverfahrens: Keinerlei Eingriffe in den Organismus sind erforderlich; ausgewertet wird lediglich Strahlung, die der Körper selbst abgibt.