Von Erwin Lausch

Jedes Kind weiß: Wenn man krank ist, wird Fieber gemessen. "Haben Sie Fieber?" lautet oft auch eine der ersten Fragen, die der Arzt an seine erwachsenen Patienten stellt. Denn die Höhe der Körpertemperatur gehört zu den wichtigsten Merkmalen, auf die der Arzt sein Urteil über das Befinden der Kranken stützt. So kann man sich heute kein Krankenhaus und keine Arztpraxis, aber auch kaum einen Haushalt ohne Fieberthermometer vorstellen.

Doch die Körpertemperatur vermag, so stellte sich in den letzten Jahren heraus, noch weitaus mehr Aufschluß über den Gesundheitszustand zu geben, als bisher allein mit dem Fieberthermometer gewonnen wurde. Mit Hilfe kompliziert gebauter und leider noch sehr teurer Geräte können Mediziner Unterschiede der Temperatur in verschiedenen Körperregionen messen. Die dabei entstehenden Wärmebilder, deren abgestufte Grautöne ähnlich den Farbschattierungen auf Klimakarten Temperaturunterschiede anzeigen, können dem Arzt wertvolle Hinweise beim Aufspüren gefährlicher Leiden geben und ermöglichen ihm auch, die Wirksamkeit seiner Behandlungsmaßnahmen zu kontrollieren. Krebsgeschwülste und Durchblutungsstörungen, Verbrennungen und Erfrierungen gehören zu den Leiden, bei denen sich die sogenannten Thermographen bereits gut bewährt haben.

Seit etwa einem Jahr gibt es einen Thermographen auch in der Ersten Klinik der Universität Hamburg. In der vergangenen Woche berichtete in Göttingen auf der 69. Tagung der Nordwestdeutschen Gesellschaft für Innere Medizin der leitende Oberarzt der Klinik, Professor Harald Harders‚ über die Untersuchung vom Brand gefährdeter Diabetiker mit einem Thermographen. Die Wärmekarten (Thermogramme) vermittelten genauen Aufschluß darüber, welche Teile des Fußes infolge mangelhafter Durchblutung abzusterben drohten.

Gespenstische Effekte

Im Prinzip handelt es sich bei den Thermographen um Spezialkameras, die nicht Licht, sondern Infrarot-Strahlung einfangen. Infrarot-Strahlung ist nicht sichtbar, aber man kann sie spüren: Sie erwärmt. Jeder Körper, dessen Temperatur höher liegt, als die des absoluten Nullpunktes (minus 273 Grad Celsius), sendet Infrarot-Strahlung aus. Instrumente, die Infrarot-Strahlung aufzeichnen, ähnlich wie eine normale Kamera sichtbares Licht, sind seit längerer Zeit bekannt. Mit ihnen lassen sich geradezu gespenstische Effekte erzielen.

So gelingt es beispielsweise, auf einem Parkplatz Autos zu photographieren – besser gesagt: zu thermographieren –, die längst fortgefahren sind. Die Temperatur des Asphalt-Karrees, auf dem der Wagen stand, unterscheidet sich nämlich noch eine Zeitlang geringfügig von der des umgebenden Asphalts. Unter dem Auto war es, je nachdem ob der Wagen Schutz vor Kälte oder Sonneneinstrahlung bot, wärmer oder kühler. Diesen Unterschied von vielleicht nur Bruchteilen eines Grades vermag eine Infrarot-Kamera zu registrieren. Ebenso ist auf dem Thermogramm eines Buches eine Hand deutlich zu erkennen, die vor der Aufnahme, nicht aber bei der Aufnahme selbst, auf dem Buch geruht hat.