Die ihn liebten, machten ihm, oft wider besseres Wissen, Hoffnung. Er nahm es hin, hatte derlei aber nicht nötig. Denn er wußte selbst: „Ohne ein wenig praktische Philosophie des Als-ob könnte man sich gleich begraben lassen.“

Bei schlechtem Wetter sah man ihn, eine Friedrichsruh-Gestalt, mit breiter Hutkrempe durchs Alstertal meditieren, hinter ihm ein riesiger Hund, der sich angesichts aller möglichen einem Hund drohenden Gefahren als Attrappe auswies, so feige war er. Aber Sethe, der Frauen liebenswürdig-ehrerbietig gegenübertrat, hatte mit Bismarck vielleicht nicht mehr gemein als den sehr feinen männischen Geschlechterstolz und das sehr freie Denken in politischen Kategorien. Morgens um halb vier, nach den seligst herben Mosein herangereifter Jahrgänge, tat er kund, was sonst nur in ihm rumorte: Daß die Weimarer Republik, wollte sie überleben, zu Beginn etliche Leute hätte enteignen müssen.

Von den Fabeln seiner Kindheit trennte er sich äußerst schwer, mit Zähnen hielt er sie fest, bis etwa die Historiker zum Kriegsausbruch 1914 Dokumente vorzeigten, die wie Brechstangen wirkten. Der Abschied von der bisherigen Geschichte, den der mit sich selbst unerbittliche Mann dann blutenden Herzens notifizierte, bewegte auch den Tatsachenfanatiker.

In zwei von drei international besprochenen deutschen Tageszeitungen schied er aus, als Person gratus, aber wegen politischer Unvereinbarkeiten. In einem „Eingesandt“ schrieb er 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Und: „Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx sondern von Paul Sethe.“

Chefredakteur, eigener Herr einer Zeitung, das war’s. In der Korrespondenz finde ich einen zweifingerig getippten Zettel vom 21. Oktober 1960: „Ich kann Ihnen das Resultat sorgfältiger Prüfung meiner Finanzlage nicht ersparen: Ich bekomme noch 50 Mark von Ihnen, Abendessen bei Randel. Es eilt nicht, aber ein kleiner Angestellter muß sehen, daß solche Dinge nicht in Vergessenheit geraten.“

Ach, er war nicht lange dieser kleine Angestellte. Aus der Zeitung, die wir mit Pazcensky und einigen Leuten von der Welt planten, wurde nichts. Den Vorteil hatte jahrelang die ZEIT. Einen Gedenkartikel wie den Sethes zum Tode seines Kontrahenten Hans Zehrer wird man in der Nachkriegspublizistik nicht zum zweitenmal finden: einfühlsam, unbestechlich, kenntnisreich, nobel. In Erwiderung auf die politischen Versuche deutscher Schriftsteller, Wahlkampf zu bestreiten, präsentierte er sich im Hausmannsanzug des „deutschen Kleinbürgers“: „Wir bleiben lieber unter uns.“

Dieser auf Elite und Zusammenhang bedachte Mensch, der nicht leiden mochte, daß ein Literat die Birke vor seinem Haus – nur zu bekanntes Beispiel – „blau statt rot“ abschilderte (sind alle Birken rot?) und der Fröhlichkeit nur bei anderen zu genießen wußte, war nie ein Misanthrop, nie ohne die ausgewogenste Heiterkeit in den amüsierten Augen.