Lüneburg

Die Periode zweier Kurzschuljahre wird in Niedersachsen von einem Dilemma überschattet, das im Dezember 1966 seinen Anfang nahm, als am Ende des ersten Kurzschuljahres keine Schulanfänger aufgenommen werden durften. Proteste der Eltern- und Lehrerverbände blieben ohne Erfolg: Alle Kinder, die im Dezember 1966 sechs Jahre alt waren, müssen bis zum 1. August auf ihre Einschulung warten.

Der Staat spart eine Klasse ein – und wer am 1. April 1966 eingeschult wurde, darf bis zum Ende seiner Schulzeit nicht sitzenbleiben, denn unter ihm befindet sich keine Schulklasse, sondern ein Loch. Er kann höchstens gleich um zwei Jahre zurückversetzt werden.

Grund für derlei chaotische Zustände ist, daß man die volle neunjährige Volksschulzeit beibehalten wollte. Während die Real- und Oberschulzeit notgedrungen gekappt wurde, wollte man nicht gleichzeitig herbstliche Schulanfänger und zu Ostern zu Entlassende in der Volksschule haben.

Eltern und Lehrer haben beileibe nicht geschwiegen. In Lüneburg etwa wurde bereits im April 1966 eine umfängliche Unterschriftensammlung an Kultusminister Langeheine gesandt, die den Wunsch der Lüneburger Eltern dokumentierte, daß wie überall in der Bundesrepublik auch in Niedersachsen im Dezember eingeschult werden sollte. Als daraus nichts wurde, hoffte man auf einen Einschulungstermin zum 1. April 1967. Wiederum entschied der Kultusminister negativ.

Aber auch das entmutigte den Lüneburger Stadtelternrat nicht restlos: Er arbeitete einen Plan für Sammelklassen des zweiten Schuljahres aus; für je zwei benachbarte Schulen sollte eine solche Klasse, in der sich die Langsameren noch einmal mit den Anfängen deutscher Bildung beschäftigen könnten, eingerichtet werden.

Auch dieser letzte Rettungsanker, begrüßt von Eltern, Lehrern und Schulräten, wurde verweigert. Niedersachsen bleibt somit als einziges Land der Bundesrepublik bei Maßnahmen, die weder dem Grundgesetz noch dem Gesetz über die Schulpflicht entsprechen, und es ignoriert zugleich das Mitspracherecht der Eltern. Inzwischen gibt es schon Bundeswehrangehörige, die sich weigern, nach Niedersachsen zu gehen, weil ihre Kinder dort nicht die Klasse vorfinden, in die sie nach Alter und Können gehören. H. S.