Bonn

Außenminister Willy Brandt hat sein Ministerium davor bewahrt, zum Gegenstand des Gespötts zu werden. Dafür aber muß die deutsche Öffentlichkeit vorläufig auf den alljährlichen Bericht der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes verzichten – eine Lücke, die in Bonn bisher noch nicht bemerkt worden ist.

Dabei war die Zeremonie schon vorbereitet: Einen Tag nach Ende der EWG-Gipfelkonferenz in Rom wollte Minister Brandt auf einer Pressekonferenz, die vorher angesetzt worden war, den „Jahresbericht 1966 der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes“ der Bonner Presse übergeben. Einige Hundert druckfrische Exemplare warteten außerdem auf Versand an politische Gremien, kulturelle Interessenten und diplomatische Filialen der Bundesrepublik.

Auf 155 Seiten gibt der Jahresbericht Aufschluß über das kulturelle Streben des Außenministeriums. Nach einem Geleitwort von Willy Brandt folgen 26 Fachberichte über die Kulturbeziehungen zu Staaten des Ostblocks und zur westlichen Welt, über Kulturabkommen, Ausstellungen, Gastspiele, und auch über die „Verbreitung des deutschen Buches im Ausland“.

Einen „Geschichtlichen Rückblick“ über die „auswärtige Kulturpolitik“ Deutschlands von der Reichsgründung bis 1945 steuerte Botschafter a.D. Dr. Dr. Fritz von Twardowski bei, der von 1922 an in den Diensten des Auswärtigen Amtes von Weimar und Hitler stand. Im Dritten Reich war er einige Jahre – bis 1943 – Leiter der AA-Kulturabteilung in der Berliner Wilhelmstraße.

Nach 1949 amtierte Twardowski kurzfristig als kommissarischer Chef des Presse- und Informationsamtes; von 1952 bis 1956 vertrat er die Bundesrepublik als Botschafter in Mexiko. Seitdem beschäftigt sich der nun 76jährige Diplomat mit Public-Relations-Aufgaben der Bundesregierung, so im Presseamt und bei der Bonner Besucher- und Propagandazentrale „Inter Nationes“.

Den längsten Abschnitt seines Rückblicks widmete Alt-Botschafter Twardowski verständlicherweise der „Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes während der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933-1945“. Offenbar übermannte den Diplomaten a. D. bei der Niederschrift die Fülle der Erinnerungen, so daß er bei seinen Formulierungen zeitgemäße Diplomatie und Taktik etwas außer acht ließ. Denn eben dieser Abschnitt des Kultur-Jahresberichtes ist der Anlaß dafür, daß die gesamte Auflage der AA-Publikation nunmehr in Amtskellern verborgen und eingestampft wird.

Der Rückschau-Autor von Twardowski wertete die zwölf Jahre des Hitler-Regimes in der beschaulich-distanzierten Sicht eines greisen Intimkenners. Zum Beispiel rühmte der Kulturmann: „Noch verhältnismäßig lange (nach der Machtübernahme) konnten Wissenschaftler und Künstler, auch Halbjuden, ihre internationale Zusammenarbeit fortsetzen, ohne gegängelt zu werden. ... Ausländische Gelehrte arbeiteten ungehindert an deutschen Instituten, ausländische, auch farbige Studenten, studierten in wachsender Zahl an den deutschen Universitäten – kurz, es gab keinen ‚eisernen Vorhang‘.“

Der Führer und seine Paladine waren nicht nur auf kulturellem Gebiet tolerant, nein, auch der Sport kam nicht zu kurz. Twardowski erinnert eine Leserschaft, die er nun nicht erreichen darf, an das „nicht zu erklärende Phänomen der damaligen Zeit, daß fast die ganze Welt in ihrer Friedenssehnsucht Hitler und sein Regime lange Jahre völlig verkannte“, und fährt schwärmerisch fort: „So konnte die Olympiade 1936 in Berlin als glanzvolles Fest der Einigkeit aller Völker im Sportgedanken gefeiert werden.“

Der Berichterstatter von Twardowski versäumt nicht, an passender Stelle den damaligen Chef der Kulturabteilung, nämlich sich selbst, zu exkulpieren: Anfang 1943, als die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes „gleichgeschaltet“ wurde, trat ein Wechsel in der Führung ein – „an Stelle des parteilosen Gesandten Dr. von Twardowski, der Stieves Nachfolge übernommen hatte, trat der SS-Gruppenführer Professor Six an ihre Spitze“. Wiewohl innerlich gewiß unabhängig, vermochte sich Twardowski doch von mancherlei sprachlichen Eigenheiten der Hitler-Ära nicht mehr zu befreien, so etwa, wenn er auf Seite 33 des Berichtes von der „delikaten Volkstumsarbeit in Minderheitengebieten“ spricht.

Nach diesen Vorbildern, so heißt es bei Twardowski weiter, „errichtete und betrieb die Kulturpolitische Abteilung – allerdings erst nach Kriegsbeginn – in den politisch wichtigen Balkan-Hauptstädten Belgrad, Bukarest, Sofia, Budapest und Agram ... schließlich auch in den Hauptstädten besetzter Gebiete (Brüssel, Kopenhagen und Athen) ‚deutsche wissenschaftliche Institute‘ “. Absicht des AA war es, dadurch „allen Freunden Deutschlands ... eine Heimstatt zu bieten“.

Auch an deutschen Buchhandlungen wollte es das Haus Ribbentrop im besetzten oder neutralen Ausland nicht mangeln lassen. „Es wurde begonnen, ein Netz repräsentativer Buchhandlungen aufzubauen. Der systematische Aufbau dieser deutschen Kulturzentren in Europa diente der Vorbereitung einer echten Europapolitik, von der die Kulturpolitische Abteilung bis 1942 träumte.“ Indes, so räumt Twardowski ein, „die harte politische Wirklichkeit ließ solche Blütenträume vergehen“.

Obschon also die Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes unter Hitler nur bedingt als Vorläuferin der Europapolitik der Bundesregierung anzusehen ist, wurde damals dennoch Dauerhaftes geleistet: „Die Kulturpolitische Abteilung hat in dieser Zeit, die immer grotesk-fürchterlichere Züge annahm, für sich in Anspruch nehmen können, trotz aller Schwierigkeiten wichtige Vorarbeiten für eine künftige deutsche Kulturpolitik geleistet zu haben.“

Im Bonner Auswärtigen Amt möchte niemand an den Erinnerungen und seltsamen Verknüpfungen des alten Herrn aus der Wilhelmstraße Anstoß nehmen: Nach dem jetzigen Leiter der Kulturabteilung, Ministerialdirektor Dr. Luitpold Werz, gab auch der Staatssekretär II in Brandts Ministerium, Rolf Lahr, den Jahresbericht zur Veröffentlichung frei. Und schließlich überlas sogar der neue Parlamentarische Staatssekretär im Außenamt, der SPD-Abgeordnete Gerhard Jahn, den Bericht samt dem Twardowski-Teil, ohne sich zu wundern.

Erst im Büro Brandt wurde man stutzig. Brandt, in Rom angerufen, ordnete von dort aus an, daß der Jahresbericht nicht freigegeben werden dürfe.

Der verhinderte Jahresbericht indes hat in Bonn bereits Liebhaberwert. Peter Stähle