Im Leben eines einzelnen Menschen geschieht ja nur selten etwas Spannendes. Nimmt man nun so viele einzelne, daß man ein ganzes Hotel voll bekommt, betrachtet man dieses Hotel als „Tummelplatz menschlicher Leidenschaften“ und verspricht den „Blick hinter die Kulissen“, so kann man auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung bauen und allerhand Spannung entwickeln –

Arthur Hailey: „Hotel“, aus dem Amerikanischen von Renate Steinbach; Verlag Ullstein, Frankfurt/Berlin/Wien; 517 S., 18,50 DM.

Der Autor, gelernter Bestseller-Schriftsteller, hat à la Vicky Baum die Materie studiert und sich „über Hotel- und Menschenführung unterrichten lassen“. Damit hat er zwar die moderne Forderung nach Authentizität erfüllt: Das Milieu des New-Orleans-Hotels stimmt sicher, was Wäschekammern, Preisbildung, Portiershierarchie betrifft. Vollkommen dilettantisch und eben deshalb so überzeugend ist jedoch des Autors Einstellung zum Gaststättengewerbe: „Das Hotel wird zum Lebewesen, dessen Geschick sich nach eigenen Gesetzen erfüllt.“

Der Besitzer versucht vergeblich, neue Geldgeber zu finden, damit das Hotel nicht verkauft werden muß, nicht zur entseelten Übernachtungsmaschinerie wird. Doch da in der Traumwelt immer das Gute triumphiert, entpuppt sich ein bescheidener, lieber alter Hotelgast, den die Heldin (persönliche Sekretärin des Besitzers) über ihre Pflicht hinaus aufopfernd gepflegt und versorgt hat, als Multimillionär. Er rettet das Hotel, rettet die Liebe des braven Mädchens zu seinem verzauberten Prinzen (stellvertretender Manager, vor zehn Jahren wegen eines Flirts mit einem Gast auf die schwarze Liste der Hotelkonzerne verbannt) und führt ihn heim in sein Reich (macht ihn zum Direktor).

In diese Geschichte ist das versprochene „Kaleidoskop der Schicksale“ geschickt eingebaut. Es gibt den Herzog-von-Windsor-ähnlichen Herzog, der Fahrerflucht begangen hat, von der ehrgeizig kalten Herzogin zum Vertuschen überredet und vom Hoteldetektiv erpreßt wird. Es gibt die Marilyn-Monroe-ähnliche dümmliche Blondine des Nabobs, die jener just gegen eine intellektuelle Braune austauschen lassen will. Es gibt den Berufsdieb, der den großen Coup versucht. Und es gibt den Fahrstuhl, der abstürzt. Der Herzog, der sich stellen wollte, kommt heldenhaft um. Die Blondine wird so verletzt, daß der Nabob seine Liebe entdeckt und die Blonde zu heiraten verspricht. Der Dieb kommt plus Beute heil davon und ist durch den Schock vom Stehlen geheilt.

Zufall oder Leistung: Jeder bekommt, was er verdient hat, und auch Liebe wird erfüllt. Da es dies ist, wovon jedermann gegen jede bessere Einsicht träumt, ist „Hotel“ ein Bestseller.

Sybil Gräfin Schönfeldt