Die etwa ein Hundertstel Millimeter große Grünalge Scenedesmus obliquus und ihre Verwandten können mithelfen, den weltweiten Proteinmangel zu beheben. Forscher der Kohlenstoffbiologischen Forschungsstation in Dortmund – Leitung: Professor Heinrich Kraut – haben ein Verfahren entwickelt, Algenproteine in größeren Mengen auf eine einfache Art zu erzeugen. In niedrigen Bassins aus Beton oder Plastik vermehren sich die winzigen Algen in gedüngtem Wasser. Wenn eine bestimmte Algendichte erreicht ist, wird geerntet: Der Beckeninhalt wird einer Zentrifuge zugeleitet, die die Algen vom Wasser trennt. Man erhält einen zähen, schwarzgrünen Algenbrei, der noch getrocknet werden muß. Hierzu dient ein beheizter Walzentrockner. Bei der Trocknung reißen die Zellwände auf und legen den wertvollen Zellinhalt frei. Die Ausnutzbarkeit der Algensubstanz wird dadurch erheblich gesteigert; sie beträgt fast 90 Prozent der Ausnutzung von Magermilchpulver.

Die getrockneten Algen sind ohne weitere Bearbeitung verwendbar, lagerfähig und leicht zu transportieren. Weitere Vorteile: Die Düngesalze können voll ausgenutzt werden, denn die Flüssigkeit wird aus der Zentrifuge wieder in die Anzuchtbecken zurückgeleitet. Die Anzucht ist auf großen Flächen möglich, weil sie unsteril unter freiem Himmel betrieben werden kann. So lassen sich leicht mehrere Hektar in Kultur nehmen. Durch gestaffelte Ernte-Termine kann man einen kontinuierlichen Betrieb der Aufbereitungsanlagen erreichen, denn in jedem Becken wird zwei- bis dreimal in der Woche geerntet. Der Ertrag an Protein beträgt bei einer Kulturperiode von sieben Monaten 9 bis 12 Tonnen je Hektar, das ist ungefähr der 40fache Ertrag von Sojabohnen. Der Proteingehalt des getrockneten Produkts liegt bei 55 Prozent.

Diese Vorteile lassen das beschriebene Verfahren geeignet erscheinen, in Ländern mit Proteinmangel angewandt zu werden. Da diese Länder fast alle in den Tropen und Subtropen liegen, ist ein weit höherer Ertrag als in der gemäßigten Klimazone zu erwarten; die Vermehrung der Algen ist nämlich sowohl von der Lichteinstrahlung als auch von der Temperatur abhängig. Gegenüber anderen unkonventionellen Methoden hat die Algenanzucht auch den Vorteil, daß sie fast überall und relativ unabhängig von Rohstoffzufuhr betrieben werden kann. Der Düngesalzbedarf ist des hohen Ausnutzungsgrades wegen sehr gering und läßt sich wahrscheinlich durch Abwässer ersetzen. Demnach kann also jedes Land unabhängig von Einfuhren Proteine durch Grünalgenanzucht gewinnen.

Wie läßt sich das Algenprodukt für die Ernährung verwenden? Es ist genießbar – neben biologisch hochwertigem Protein enthält es auch wichtige Vitamine. Kinder, die an Marasmus (Kräfteverfall, Abzehrung) leiden, konnten erfolgreich mit dem Algenprodukt behandelt werden. Freilich werden seiner Einführung als Nahrungsmittel die Ernährungsgewohnheiten bei den meisten Völkern entgegenstehen. Deshalb wird man es vorzugsweise als Tierfutter verwenden. Im Max-Planck-Institut für Tierzucht und Tierernährung in Mariensee fressen Schweine schon in der dritten Generation das Dortmunder Algenmehl. Sie haben sich sehr gut entwickelt und gesunde Nachkommenschaft erbracht. Die Fleischqualität der Versuchstiere ist hervorragend. Auch den in Dortmund gezüchteten Karpfen scheinen die getrockneten Algen zu schmecken; Süßwasserfisch setzen das gefütterte Protein besonders günstig in hochwertige menschliche Nahrung um.

Das Verfahren ist so ausgereift und vereinfacht, daß jetzt ein Großversuch in einem tropischen oder subtropischen Land durchgeführt werden kann. Die Versuchskultur müßte genügend groß sein, so daß sich der wirtschaftliche Wer: demonstrieren läßt. Überdies sollte eine entsprechend große Tierzuchtanstalt mit dem Projekt verbunden werden. Auf diese Weise ließe sich dann im Großversuch folgender Plan erproben: Die Algen werden an das Vieh verfüttert, und die Stallabwässer düngen die Algenkultur in den Anzuchtbecken.

Jürgen Heinrichs