Von Karl-Heinz Janßen

Ich bitte nun alleruntertänigst, die Diplomatiker anzuweisen, daß sie nicht wieder das verlieren, was der Soldat mit seinem Blute errungen hat", schrieb der alte Blücher, der berühmte "Marschall Vorwärts", an den preußischen König, nachdem er Napoleon zum zweitenmal besiegt hatte. Sein Lamento, die Feder könne wieder verderben, was das Schwert erobert habe, kehrte fast wortgetreu in jenen deutschen Zeitungen wieder, die den besonneneren Kommentatoren in die Parade fuhren, den "Friedensrednern" und "Kriegsdienstverweigerern", die sich sträuben, die Zeichen einer angeblich neuen Zeit zu begreifen.

Der Krieg im Nahen Osten sei, so formulierte es die "Welt", in "Dunst und Schwäche ungereinigter Gesinnungen" "wie ein reinigendes Gewitter" hineingefahren. Fast schien es, als ob die Leitartikler und Kolumnisten der Springer-Presse, in "Christ und Welt" und im "Rheinischen Merkur", ungeheuerlich erleichtert waren, weil sie einmal auf der richtigen Seite mitsiegen durften. Verstaubtes Sondermeldungsvokabular kam wieder zu Ehren: da wurde wieder "Geschichte gemacht" (von "Männern" natürlich), da wurde jubilierend der Krieg wieder in seine Rechte eingesetzt, da nahm ein Staat wieder "das Gesetz des Handelns in die Hände", da kämpfte ein "Volk in Waffen", da wurde der Krieg zur "korrekten nationalen Haltung", da siegte eine Armee, weil sie siegen mußte, da starben Soldaten für ihren geliebten "Wüstensand" (früher war es die "heilige deutsche Erde"), da wurde sogar aus dem neutralen US-Verteidigungsminister McNamara unversehens ein "Kriegsminister".

Kaum roch es nach Pulver und Napalm, da war auch der Mann wieder was wert. "Bild" lobte den israelischen Verteidigungsminister ("Welch ein Mann!") über allen Klee: "Vielleicht einer der Großen der Geschichte." Die kritiklose Verhimmelung des israelischen Nationalhelden freilich blieb nicht auf Deutschland beschränkt. Seine schwarze Augenklappe verhalf Mosche Dayan zu weltweiter Popularität, und er wußte sie daheim in politisches Kapital umzumünzen. Kaum jemand außerhalb Israels nahm überhaupt zur Kenntnis, daß nicht Dayan der Architekt des Blitzsieges war, sondern der an Moltkesche Bescheidenheit erinnernde Generalstabschef Rabin, dem sein Minister die Show gestohlen hatte. (Eine rühmliche Ausnahme machte die Londoner Times.) Dayan, der Sieger im Sinai-Feldzug 1956, war schon vor dem Krieg ein Mythos geworden – so wie einst in Deutschland Hindenburg, der Sieger von Tannenberg.

Den deutschen Dayan-Bewunderern, den Boenisch, Walden, Schlamm und Studnitz, kam er gerade recht als Prototyp des Präventivkriegers. Kaum jemand in der Welt zweifele noch daran, meinte William S. Schlamm, "daß es keineswegs auf den berüchtigten ‚ersten Schuß‘ ankommt, sondern auf die wahre Rechts- und Gefahrenlage". Sein Verlagskollege Hertz-Eichenrode räumte zwar ein, daß "in der moralischen Kategorie" der Krieg geächtet bleibe, aber das Beispiel Israels lehre, daß "in der praktischen Politik jedoch die Fähigkeit zum Verteidigungskrieg, sogar zur offensiven Verteidigung, die letzte Rettung sein kann". Wen wundert es da noch, daß deutsche Studenten beim israelischen Botschafter Ben Nathan um Absolution für Kaiser Wilhelms Präventivkrieg von 1914 nachsuchten? Vergessen war offensichtlich auch der peinliche Umstand, daß Adolf Hitler seinen Überfall auf die Sowjetunion als Notwehrakt ausgegeben hatte. Und voll argloser Bewunderung schrieb der Springer-Journalist Heinz Schewe in einem Bericht über den Überraschungserfolg der israelischen Luftwaffe: "Das erinnert an Pearl Harbour!"

Sie alle hätten gut daran getan, einmal nachzulesen, was Bismarck über die politische Fragwürdigkeit des Präventivkrieges gesagt hat. Er ließ ihn durchaus als Ultima ratio der Politik gelten, aber er verschloß nicht die Augen vor den unvermeidlichen Folgen: "Wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen haben." Die Israelis sind eben dabei, diese Erfahrung nachzuholen.

Abba Eban mußte in der UN verzweifelt kämpfen, um die Verurteilung seines Landes als Aggressor abzuwenden. Und Israel steht nicht nur im Geruch der Aggression, sondern ist jetzt auch noch mit dem Makel der völkerrechtswidrigen Annexion beladen: Die Altstadt von Jerusalem wurde dem Staate Israels einverleibt.