Der Münchener Photohändler Julius Johannsen brachte den Stein ins Rollen, die Photo-Fachpresse beschleunigte ihn – und der Stein lief in eine Richtung, die nahezu der gesamten Branche nicht paßte. Johannsen schlug vor, bei Farbdiafilmen und den ihnen technisch verwandten Schmalfilmen eine Trennung von Film- und Entwicklungspreis vorzunehmen. Der Kunde sollte nicht mehr – wie bisher üblich – gleichzeitig mit dem Film die Entwicklungskosten bezahlen und den belichteten Film direkt an die Entwicklungsanstalt schicken, sondern den belichteten Film beim Photohändler abliefern und dann den entwickelten Film wieder im Laden abholen.

Johannsen versprach sich davon zweierlei: Einmal werde durch die Trennung der Film optisch billiger, zum anderen komme der Kunde häufiger in den Laden – die Chance, andere Photoartikel zu verkaufen, werde dadurch größer. Eine fast einhellige Empörung der Branche war die Antwort. Vor allem die Industrie konterte hart. Der Kunde sei vor allem an Bequemlichkeit interessiert, er wolle seinen belichteten Film nach wie vor in den nächsten Briefkasten stecken und ihn vom Postboten zurückbekommen, nicht aber zusätzlich zweimal den Händler aufsuchen. Und auch der Handel sprach sich in seiner überwiegenden Mehrheit für die Beibehaltung der Kopplung aus.

Freude löste dagegen der Vorschlag an völlig anderer Stelle aus. Das Bundeskartellamt in Berlin wurde hellhörig. Den beamteten Wettbewerbshütern ging plötzlich auf, daß mit der Kopplung etwas Unrechtes geschehe; denn mit der Preisbindung auch der Entwicklungsleistung werde etwas preisgebunden, was nicht preisgebunden werden dürfe: eine Dienstleistung. Diese Dienstleistung sehen die Kartellrechtsexperten in der Entwicklung des Films. Sie forderten deshalb die Filmhersteller auf, die Preisbindung für Farbumkehrfilme aufzuheben.

Diese „Abmahnung“ stieß in der Industrie auf taube Ohren. Allen voran verkündete der Größte auf dem deutschen Photomarkt, die Agfa-Gevaert AG, die Filmentwicklung sei keine gesonderte gewerbliche Leistung, sondern Bestandteil des Produktionsprozesses. Der vom Amateur belichtete Film sei für diesen wertlos, solange er nicht entwickelt sei. Es handele sich um ein Halbfabrikat, das erst mit der Entwicklung zum fertigen Endprodukt werde. Im Hintergrund steht dabei die Besorgnis, daß sich bei einer Trennung der Entwicklungsleistung vom Filmpreis unabhängige Umkehranstalten auftun und den Film unsachgemäß behandeln könnten. Schlechte Bildqualitäten schlügen dann auf den Filmhersteller zurück. Die Agfa will um jeden Preis die Kontrolle bis zum letzten Augenblick behalten. Und das scheint ihr nur dann gesichert, wenn eigene oder autorisierte Umkehranstalten den Film entwickeln.

Das Kartellamt läßt diesen Einwand nicht gelten. Es argumentiert, daß auch ein belichteter Schwarzweiß- oder Farbnegativfilm ein „Halbfabrikat“ sei, mit dem der Kunde nichts anfangen könne, hier aber gleichwohl Filmherstellung und -entwicklung in getrennten Händen liege. Auch das Argument, eine freie Umkehranstalt sei kein Garant für äußerste Qualität, läßt das Kartellamt nicht gelten. Das möge für die Vergangenheit richtig gewesen sein, treffe heute aber nicht mehr zu. Und schließlich: Wenn ein Film einmal schlecht entwickelt werde, dann wisse der Kunde sehr wohl zu differenzieren, und suche die Schuld bei der Umkehranstalt, nicht jedoch beim Filmhersteller.

Im Leverkusener Verwaltungsgebäude von Agfa-Gevaert blieb man hart. Man ließ das Kartellamt und den Handel wissen, daß Kopplung und Preisbindung bis zum letzten verteidigt werden würden. Gegen eine Entscheidung des Kartellamts, die die Preisbindung aufhebe, werde man gerichtlich vorgehen. Ein Einspruch aber schiebe die Aufhebung der Preisbindung auf – bis zur Entscheidung durch den Bundesgerichtshof. Der Handel solle sich also durch eine Entscheidung des Bundeskartellamts nicht nervös machen lassen, die Preisbindung bleibe auf jeden Fall erhalten.

Das Bundeskartellamt war indessen nicht untätig. Die zuständige dritte Beschlußabteilung ließ sich einfallen, daß ein Widerspruch der Industrie zwar die Entscheidung zunächst unwirksam mache, eine gleichzeitig erlassene einstweilige Anordnung jedoch sehr wohl die Preisbindung für einige Tage außer Kraft setzen könne. Am 22. Juni wurde deshalb der Beschluß gefaßt, die kombinierte Preisbindung für Farbumkehrfilme für unwirksam zu erklären und gleichzeitig durch einstweilige Anordnung zu verfügen, daß „die Preisbindungen bis zur rechtskräftigen Entscheidung über ihren Bestand nicht durchgesetzt werden dürfen“.