Über zwei Jahrzehnte mußten ins Land gehen, bis ein Blutrichter seine Richter fand. Kammergerichtsrat a. D. Hans-Joachim Rehse, während des Krieges Beisitzer im Ersten Senat des Volksgerichtshofes, wurde jetzt vom Moabiter Schwurgericht für schuldig befunden, in sieben Fällen Beihilfe zum Mord und zum versuchten Mord geleistet zu haben. Das Urteil der Geschworenen: fünf Jahre Zuchthaus.

Das ist nicht eben viel für jemanden, der als Richter Terror walten ließ statt Gerechtigkeit, der in einem politischen Witz, erzählt im Ehebett, ein todeswürdiges Verbrechen sah.

„Wenn man nun ein Gesetz gemacht hätte, wonach alle Brillenträger schwer zu bestrafen gewesen seien“, fragte der Schwurgerichtsvorsitzende den angeklagten Richter, „was dann?“ Seine Antwort: „Nichts, gar nichts hätte ich tun können. Sollte ich auf die Barrikaden gehen?“ Er war ein gehorsamer Büttel seines „obersten Gerichtsherrn“ – tüchtig, aber feige; mit den besten juristischen Examina, aber mit verkümmertem Gewissen.

Fünf Jahre Zuchthaus – der rückfällige Dieb bekommt es auch. Immerhin: das erstemal in der deutschen Nachkriegsgeschichte saßen Richter über einen Standesgenossen zu Gericht, der das Recht beugte, um Menschen dem Henker zu überliefern. v. K.