Von Kai Hermann

Die Revolution kauerte auf aufgeblasenen Luftmatratzen, geschwächt, aber sprungbereit. Das erste hunger-in der jungen radikalen Linken Berlins ließ das Establishment in seinen Grundfesten leise zittern. Das bronzene Kruzifix der evangelischen Studentengemeinde sah auf das verirrte Schaf: auf Rudi Dutschke, den einst streitbaren Kämpfer wider Ulbricht in der Jungen Gemeinde der DDR, der Erlösung von der repressiven Gesellschaft des westdeutschen Kapitalismus predigte. Die Gemeinschaft der für den gefangenen Kommilitonen Fritz Teufel Fastenden fiel ein in den vielstimmigen Chor vom Umsturz. Es war eine Nacht der leeren Mägen und der mit Revolutionseuphorik gefüllten Herzen und Hirne.

Man diskutierte die Grenzen zwischen demonstrativer und provokativer Gewalt. Man sprach von Gegengewalt, die die Obrigkeit aus der Reserve locken kann, sie zwänge, die demokratische Maske vom brutalen Gesicht zu nehmen. Man war sich einig, daß die blaue Blume der gesellschaftlichen Umwälzung nicht in den vom Grundgesetz gesteckten Grenzen blüht. Die Eskalation der permanenten Provokation wurde bis zum großen Konflikt in Westberlin durchgespielt: der Entmachtung des Senats, dem Eingreifen der Amerikaner – neue Fronten, Internationalisierung der Auseinandersetzung, Befreiung. Welche Demonstrationen, Aktionen, Provokationen auf diesem Weg weiterführen, ob und wie Gewalt gegen Gewalt gesetzt werden kann, ob Sabotage sinnvoll ist oder eine Desertions-Kampagne unter den Amerikanern schon Erfolg verspricht, das freilich wurde in einer Hungernacht nicht ausdiskutiert.

Politikern und Publizisten, Bürgern und Gendarmen hat indes das, was bisher an der Freien Universität gesagt und getan wurde, die Argumente verschlagen. Das Gespenst der „kleinen radikalen Minderheit“ geht um in Berlin und ist nicht zu greifen. Begriffen wird allmählich, daß Kategorien zwischen „anständigem Benehmen“ und Landfriedensbruch das Phänomen nicht befriedigend beschreiben. Während Mathias Walden noch gebannt und angeekelt auf nackte Studentenzeiten und struppige Bärte starrt, haben sich Soziologen und Psychologen der radikalen Normabweichung angenommen. Doch auch als Generations- und Rollenkonflikt erklärt sich das Problem nicht vollständig. Es besteht der Verdacht, daß politische Ursachen politische Reaktionen auslösen, daß die ungebärdige studentische Minorität ein politisches Phänomen sein könnte.

Was von außen als Randalismus gedeutet wird, sieht sich von innen als Renaissance des deutschen Sozialismus marxistischer Prägung. Die studentische Minderheit übt sich in Ungezogenheit mit intellektueller Disziplin. Sie randaliert mit theoretischem überbau. Für jeden Tomaten- und Eierwurf weiß ihre Gesellschaftsanalyse ebenso Erklärung wie für die Knüppelhiebe der Obrigkeit. Diese Minorität ist größer, als man gemeinhin anzunehmen gewillt ist. Sie reicht von der Mehrheit im Studentenparlament und dem AStA bis zur obskuren „Lebensgemeinschaft junger Maoisten“, der „Kommune I“. Sie hat in den vergangenen Wochen einige tausend Studenten als potentielle Gefolgsleute gewonnen.

Sie theoretisiert nicht mit einem Kopf. Es gibt Differenzierungen und Differenzen auch im Lager der radikalen Linken. Das Vokabular, der theoretische Ansatz aber stimmen weitgehend überein: Marxismus nach Berliner Modell. Eine Synthese der drei großen M – Marx, Mao, Marcuse – unter besonderer Berücksichtigung der Mauersituation.

Der Prophet der Revolte ist Herbert Marcuse. Mit den Paperbacks des amerikanischen Philosophen und Neomarxisten in der Kollegmappe haben die Studenten den Weg des Protestes von Dahlem zum Kurfürstendamm gefunden. Marcuse hat sie gelehrt, und in Westberlin meinen sie gelernt zu haben, daß die Grundlagen des ökonomischen und politischen Liberalismus im Spätkapitalismus untergraben werden. Damit, so folgern sie, hat auch die liberale Toleranz ihre Funktion verloren. Die Toleranz dient nur noch der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft, der Diktatur der Mehrheit. Die freie und gleiche Diskussion, Voraussetzung der liberalen Demokratie, wird nicht mehr geführt, echte Opposition nicht geduldet. Eine monopolisierte Presse manipuliert Massenmeinung. Oppositionelle Gruppen werden als demokratisches Alibi benutzt, solange sie ungefährlich sind. Fühlt sich das Establishment jedoch bedroht, wird sublime zu manifester Gewalt.