Abidjan, Anfang Juli

Einst fürchteten ihn seine Gegner als den „Roten Prinzen der Baoule“ oder gar als einen „afrikanischen Stalin“. Heute bezeichnen ihn jene unter seinen früheren Gefolgsleuten, die Revolutionäre geblieben sind, als einen Lakaien der Neokolonialisten, zumal der französischen. Manche nennen ihn lobend, aber gedankenlos einen „weißen Afrikaner“. Keines dieser Urteile über Felix Houphouet-Boigny wird dem Staatspräsidenten der seit fast sieben Jahren unabhängigen Republik Elfenbeinküste in Westafrika gerecht.

Die Deutschen, die dem 61jährigen Houphouet gegenwärtig während seines Staatsbesuches in der Bundesrepublik begegnen, tun gut daran, seine Bedeutung nicht nach der kleinen Fläche und geringen Bevölkerungszahl seines Heimatlandes zu bemessen. Es genügt auch nicht, die für Afrika beispielhafte wirtschaftliche und politische Stabilität der Elfenbeinküste hervorzuheben. Ebenso wichtig ist, daß der Weg, den das ganze französischsprachige Afrika südlich der Sahara seit dem letzten Kriege eingeschlagen hat, mittelbar oder unmittelbar von Houphouët vorgezeichnet wurde. Sein Einfluß reicht – vor allem im Staatenbund der „Entente“ mit Togo, Dahome, Niger und Obervolta und in der von ihm gegründeten „Gemeinsamen Organisation der Afrikanisch-Madegassischen Staaten (OCAM)“ – weit über seine Lagunen-Hauptstadt Abidjan hinaus. Der reiche katholische Pflanzer aus einer Häuptlingsfamilie von Yamoussoukro im Lande des Baoule-Volkes, einst Hilfsarzt, Bauernführer, Parlamentarier und Minister in Paris, mehrt nun von Jahr zu Jahr als Baumeister wohlüberlegter Bündnisse seinen Einfluß auf dem afrikanischen Kontinent.

Mißtrauische Betrachter verdenken es Houphouet-Boigny (das Beiwort bedeutet „Widder“ und rühmt seine Beharrlichkeit) noch heute, daß er als Gründer und Präsident der in ganz Französisch-Westafrika wirkenden Massenpartei Rassemblement Democratique Africain (RDA) fünf Jahre lang, bis 1951, Bündnisse mit der Kommunistischen Partei Frankreichs unterhielt. Deren Mitläufer oder Anhänger gar ist er indessen nie gewesen. Houphouët hat dann auch alsbald entdeckt, daß seine Zweckallianz mit den eigensüchtigen und unzuverlässigen Bundesgenossen auf der extremen Linken ihn in seinem Kampf gegen die kolonialistische Vorherrschaft nicht weiterbrachte. Ungefähr 1951 erkannte er, daß er sein Ziel nicht gegen, sondern nur mit Frankreich erreichen könnte.

Der Erfolg gab ihm recht. Nicht alle seine Freunde folgten ihm auf dem Wege vom Revolutionär zum Befürworter friedlicher Evolution in Afrika, vom Demagogen zum maßvollen Pragmatiker. Der Feuerkopf Sekou Touré in Guinea und der Edelmann Modibo Keita in Mali, deren politischer Lehrmeister Houphouet war, sagten sich von Frankreich los, bislang nicht zum Vorteil ihrer Völker. Modibo Keita aber blieb sein Freund, und in der Wirtschafts- und Finanzpolitik schwenkt er nun, klüger geworden, wieder auf Houphouëts Linie ein. Dabei möchte der Präsident der Elfenbeinküste sich auch heute nicht gern als ein „Gemäßigter“ abstempeln lassen – „Realist“ zu sein, genügt ihm vollauf.

In der Außenpolitik hat Houphouët-Boigny im letzten Jahr – zumal nach dem Sturze Kwame Nkrumahs in Ghana – seine Ansicht bestätigt gefunden, daß panafrikanische Revolutionäre dem Kontinent nicht nützen und daß feurige Aufrufe zur Gewalt gegen Südrhodesien, Portugal oder Südafrika mangels Stärke und Einigkeit der Afrikaner nur Unruhe stiften, aber keine Änderung bewirken können. Statt dessen dringt er auf ein allmähliches Zusammenwachsen des Kontinents auf dem Umweg über regionale Gruppierungen mit solidem wirtschaftlichen Unterbau.

In einer blühenden Wirtschaft sieht Houphouet den Kern politischen Erfolges. Den Blitzstart der Elfenbeinküste in die Gruppe der wohlhabenden afrikanischen Staaten mit einem fetten Handelsbilanzüberschuß möchte er in eine solide, dauerhafte Fortentwicklung einmünden lassen. Bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft oder bei den Vereinigten Staaten sucht er nicht Hilfe, sondern Partnerschaft in einem gerechten Interessenausgleich. In der Begleitung des Staatsgastes in der Bundesrepublik befinden sich deswegen Houphouëts Wirtschafts- und Planungsexperten. Dieter Döllken