Barthold C. Witte: Was ist des Deutschen Vaterland? v. Hase & Koehler Verlag, Mainz, 270 Seiten. Leinen DM 16,80, Paperback DM 9,80.

Alsdann: ein neues Buch übers Vaterland, ans teure, an das es sich anzuschließen, das es zu finden, zu verwerfen, zu regenerieren oder neu zu erobern gehe? Eine neue, mit viel Emotion aufgeladene Darbietung über die Machtbereiche Adenauers und Ulbrichts und über die echte oder geheuchelte Seelenqual derer, die nicht zieinander kommen können? Oder nur eine neue, vom Irrealismus genährte Bestandsaufnahme der Versäumnisse seit 1945, was man hätte und nicht hätte tun sollen? Oder eine neue, letzte Variante der Gegenüberstellung vom „inneren Reich“ der Deutschen und dem anderen Vaterland, das uns Kohle, Röhren, Autos und Urlaubsreisen zum fast mühelosen Erwerb offeriert?

Soviel Skepsis muß erlaubt sein nach einem Sturzbach von Büchern dieser Thematik, wie er sich seit zwei Jahrzehnten über uns ergießt. Manchen schon oft betretenen Gemeinplatz hat auch Witte nicht aussparen können; vertraute, allzu vertraute Terminologie grüßt den Leser bereits in Inhaltsverzeichnis. Aber schon bald wandelt sich Bedenken in Respekt, weil hier ein Autor aus schmerzlichen Einsichten Konsequenzen gezogen hat und auf diese Weise auch mit Illusionen aufräumt, denen selbst fortschrittliche Außenpolitiker anhangen. Sein Fazit: Nehmen wir endlich Abschied von allen Bismarck-Ideologien, fügen wir uns in die staatliche Teilung, die für urabsehbare Zeit Realität ist, treiben wir Friedenspolitik für die ganze Welt, indem wir die Elemente von Bindung und Freiheit modellhaft zu demokratischer Ordnung ausformen. So anspruchsvoll das klingt, so sehr verbirgt sich darin auch ein großes Stück Bescheidung. Witte meint, es sei jetzt Aufgabe der Deutschen, den Nationalstaat nach seiner Übersteigerung in größere Ordnungen einzufügen und zugleich die 1933 bis 1945 gewonnenen Erfahrungen von den Grenzen und dem Mißbrauch der staatlichen Macht in den Erkenntnisschatz der Völker einzubringen. Die Welt ervarte viel von den Deutschen, weil das deutsche Volk seit vierhundert Jahren so viel dazu beigetragen habe, die Welt zu verändern.

Der Verfasser darf von solcher Schaufensterfuiktion relativ unbefangen sprechen, weil er zuvor gründlich den Verdacht ausgeräumt hat, er nege dem neuen Nationalismus zu, der nicht nur Mode in kleinbürgerlichen Kreisen, sondern auch Bestandteil mancher Regierungsaussage geworden ist. Er verurteilt Franz Josef Strauß, weil dieser stets der Auffassung sei, „was immer die anderen haben, müssen die Deutschen auch haben“. Er vergißt Michael Freund nicht, jüngst einen Aufsatz über Königgrätz 1860–1866 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben zu haben, der schon vor fünfzig Jahren zu na:ionalistisch gewesen wäre. Er kreidet es Hermann Röchling an, daß er 1935 die Rückkehr der Saar zum Reich gefördert habe, „ganz gleich, wer in Berlin regiert“. Dagegen Witte: „Wir wellen (heute) zuvor wissen, in welcher Weise von Berlin aus regiert würde, wenn denn wieder Gesamtdeutschland von Berlin aus regiert werden soll.“

Aus dieser Haltung folgt freilich, daß Witte sich auch von der Politik Adenauers distanziert, weil dieser die Wiedervereinigung nur insoweit für wünschenswert gehalten habe, als sie die von ihn vollzogene West-Option für Gesamtdeutschland bestätige. Aber das Kapitel über das „definitiv; Provisorium Bundesrepublik Deutschland“ ist überhaupt eines der bittersten, weil am schärfstem sezierenden des Buches überhaupt. Witte hält das Bonner Staatswesen für derart konfliktscheu, daß es auf die Bewältigung schwerer Krisen nicht vorbereitet sein könne; der barmherzigen Lüge vom Provisorium der Spaltung Deutschlands werde ein brutales Erwachen folgen müssen.

Der Historiker Witte, jetzt Geschäftsführer der Friedrich-Naumann-Stiftung, hätte so viel kantige Meinung vermutlich nicht so schlüssig vortragen können, wenn er nicht zuvor den Acker einer tausendjährigen deutschen Geschichte noch einmal durchgepflügt und manche neue Furche gezogen hätte. Dabei mag ihm manches zu einfach und zu wenig differenziert geraten sein, doch bleibt auch dieser Lehrkurs, der die Hälfte des Buches ausmacht, anregend, weil er manchmal zwar höchst gewagte, aber nie langweilige Sichten aus dem Bilderbuch deutscher Historie bietet. Über Wittes Hindenburg-Auffassung ließe sich gewiß ebenso streiten wie über seine Vorstellungen von Hegel und von Preußen. Das Angebot Stalins an die Bundesrepublik vom März 1952 beurteilt der Autor viel glaubwürdiger und damit positiver, als es heute vielfach geschieht, und vielen christlich-demokratischen Politikern traut er zu, lange Zeit bewußt die „Politik der offenen Wunde“ betrieben zu haben.

Befragt, was nun an vorwärtsweisender Politik anzuraten sei, antwortet der Autor, mit der Desintegration der Blöcke wachse in der Welt neues Mißtrauen gegenüber deutscher Eigenstaatlichkeit; der Polyzentrismus sollte daher als Vorstufe für eine neue, zwischen Ost und West Brücken schlagende Integration aufgefaßt werden, weil nur eine gesamteuropäische Lösung den beiden Teilstaaten eine neue Option für Ost, für West oder für Neutralität erspare. Das leuchtet gewiß ein. Aber hier klafft in Wittes Buch eine Lücke. Er, der nicht oft genug darauf dringen kann, daß Bonn die DDR wahrzunehmen, zu erkennen und de facto auch anzuerkennen habe, er nimmt den anderen Teilstaat nicht genügend wahr, zumindest nicht in seinen Bedingungen, seinen Verflechtungen und Aversionen. Zwar ist auch vom „Roten Preußen“ auf anderthalb Dutzend Seiten die Rede, aber sonst geht der Bereich dieser siebzehn Millionen in der Darstellung von den Deutschen unter. Leider handelt es sich um einen Volksteil, der schon heute zu einer ganz anderen Lebens- und Staatsauffassung, anderer Seelenlage und anderer „Perspektive“ gekommen ist und der von diesen neuen Positionen aus die Frage beantworten muß, was des Deutschen Vaterland sei. Wo auf diesem Felde der Autor aufhörte, hätte er beginnen müssen.