Vor knapp einem Jahr veröffentlichten wir Gespräche über den Alltag in der DDR – aufgezeichnet von einem jungen Lehrer im anderen Teil Deutschlands. Von ihm erreichte uns jetzt auf Umwegen ein neuer Bericht. Wiederum spiegelt sich darin ein Stück DDR-Alltag.

Erregt versammeln sich ein paar junge Leute im Arbeitszimmer des Generalintendanten Professor Otto Lang vom Weimarer Nationaltheater, allesamt Schauspielstudenten, die nach vierjährigem Studium mitten im Examen stehen. Einer von ihnen, Christian Lau, soll fristlos entlassen werden. „Das kann doch der Alte nicht machen“, meint ungläubig eine Studentin.

Otto Lang, selbst jahrzehntelang Schauspielpädagoge am Theaterinstitut in Weimars Schloß Belvedere und später an der Hochschule in Leipzig, betritt das Zimmer: „Bitte, Platz zu nehmen. Ich will es kurz machen. Christian Lau, stimmt es, daß Sie vorgestern im Klubzimmer des Theaters, in Gegenwart eines Ensemblemitglieds, aus dem Westfernsehen den Boxkampf mit Cassius Clay gesehen haben?“ Lau steht auf. „Jawohl, das stimmt. Ich dachte, sportliche Veranstaltungen des Westfernsehens seien nicht verboten!“

Dem Professor, altes SED-Mitglied und Delegierter des VII. Parteitages, steigt die Röte ins Gesicht. „Gut, Sie geben also zu, hier, im deutschen Nationaltheater, das imperialistische Westfernsehen gesehen zu haben! Ich habe bereits mit Rektor Kuckhoff von der Theaterhochschule in Leipzig telephoniert. In seinem und in meinem Namen teile ich Ihnen als unseren Beschluß mit: Sie sind mit sofortiger Wirkung von der Hochschule exmatrikuliert und aus unserem Ensemble entlassen.“

Ratlos, zornig bleiben die Studenten noch eine Zeitlang im Raum. Dann sagt Christian Lau: „Kinder, beruhigt euch, nehmt es nicht so ernst. Ob ich das Staatsexamen nun habe oder nicht...“

Weder Christian Lau noch einer seiner Kommilitonen ahnen, daß nur eine Woche später das Bild seines sportlichen Idols, von ihm „illegal“ im Westfernsehen bewundert, alle Zeitungen der DDR, vom Neuen Deutschland bis zum Sportecho zieren wird. Seit Cassius Clay seine Einberufung zur US-Armee verweigerte, ist er ein „Held des sozialistischen Zeitalters“ geworden ...

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