Soll man um Mitleid für Chagall bitten, weil er 80 Jahre alt wird? Daran erinnern, daß er doch ganz gut angefangen, daß er in der Zeit vor 1914 eine gewisse Rolle gespielt, zu dem von anderen erfundenen Kubismus sein bescheidenes russisches Scherflein beigetragen hat? Daß er später, wenn schon nicht als Maler, so doch immerhin als Graphiker und Illustrator, das eine und andere zustandegebracht hat, was nicht unter den Tisch fallen sollte, die Radierungen zu Gogols „Toten Seelen“, zu „Fabeln“ von Lafontaine und zur Bibel?

Man kann, glaube ich, voraussetzen, daß jeder, der sich 1967 zu Chagall äußert (egal ob positiv oder negativ), zu irgendeinem früheren Zeitpunkt von Chagall bezaubert war. Chagall gehört, die Feststellung ist unabhängig von jedem kritischen Urteil und geht ihm voraus, in die Kategorie der geheimen Verführer. Es ist gewiß keine Schande, seiner Verführung erlegen zu sein. Aber rechtfertigt das Werk diese Bezauberung? Kann sie einem ernüchterten Blick standhalten, oder sind wir einem Rattenfänger auf den Leim gegangen, einem Bänkelsänger, der rührselig und ein bißchen unbeholfen Lieder aus der Jugendzeit trällert, der traurige und fröhliche Geschichten aus Witebsk erzählt, vom Großvater auf dem Ofen und dem Onkel, der mit dem Pferdewagen über Land fuhr, und der kinderreichen Familie, die sich abends in der Stube versammelte, von den brennenden Kerzen im siebenarmigen Leuchter, von frommen armen Juden und der schönen Braut Bella?

Man muß Witebsk akzeotieren, von welcher Seite man sich dem Werk nähert, es ist Chagalls zentrales Thema, das Leitmotiv, das ihn nach Paris und Amerika begleitet, das immer wieder aufgenommen und variiert wird. Dazu Chagall: „Jeder Maler ist irgendwo geboren, und auch wenn er später auf die Einflüsse anderer Umgebungen antwortet, so bleibt doch eine gewisse Essenz, ein besonderes Aroma seines Heimatlandes in seinem Werk ... Ich benutzte Kühe, Milchmädchen, Hähne, russische Provinzarchitektur als Formenquelle, weil diese alle ein Teil des Landes sind, aus dem ich komme; und zweifellos haben sich diese Dinge meinem visuellen Gedächtnis tiefer eingeprägt als alle anderen Eindrücke.“

Die Sätze enthalten zweierlei: ein rückhaltloses Bekenntnis zu seiner Herkunft und den unüberhörbaren Hinweis, das Milieu nicht zu überschätzen. Man kann Chagall nicht mit seiner Herkunft definieren. Pittoreske, exotische Züge hat Chagalls Heimat, hat das Getto von Witebsk für Mittel- und Westeuropäer, aber nicht für den, der hineingeboren wird. Mit Fremdheit des Milieus, mit der Tatsache, daß uns der Inhalt der Bilder von weit her zu kommen scheint, ist die Bezauberung nicht zu erklären. Manche werden diese Welt als reizvoll empfinden, andern wird sie herzlich gleichgültig sein.

Für eine realistische Milieuschilderung spielt es eine Rolle, ob der Schauplatz trivial oder interessant ist. Aber Chagalls Witebsk liegt nicht ausschließlich in der Realität, er war höchst erstaunt, als er aus Paris nach Witebsk zurückkam und den Ort nicht finden konnte, den er in Paris vor sich gesehen und gemalt hatte. Witebsk hat eine auslösende Funktion (wie Combrai für Proust), ist Synonym für Kindheit, die nicht nur erste Erfahrungen und Eindrücke summiert, vielmehr als Stadium maximaler Erlebnisintensität verstanden wird, ein Stadium, in dem sich die Phantasie der Dinge bemächtigt, in dem der Traum nicht weniger real ist als die Wirklichkeit. Wie Marcel Proust befindet sich Chagall, wenn er in seinen Bildern Witebsk beschwört, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Solche Affinität zur Kindheit gewinnt bei Chagall leicht den Anschein von Naivität. Ich halte es jedoch für abwegig, Chagall unter die naiven Maler einzuordnen, weil er, phantastische und exzentrische Elemente einer kindlichen Bewußtseinsstufe, die ebenso wie das reale Witebsk der Vergangenheit angehören, in sein Werk einfließen läßt. Phantasie ist für Chagall das Mittel, die faktische Enge des russisch-jüdischen Milieus grenzenlos auszuweiten, das erinnerte Inventar mit neuen Eindrücken, mit Paris, dem Eiffelturm, der Großstadtarchitektur und frei verfügbaren historischen und literarischen Reminiszenzen zu kombinieren. Um Witebsk als imaginäre Mitte entfaltet sich der Chagallsche Bilderkosmos: Landschaften, Tiere und Blumen, Porträts, Bilder aus der Welt des Theaters, der Musik und des Zirkus, der Bibel, orientalischen Märchen. An thematischem Reichtum hat die zeitgenössische Malerei wenig Vergleichbares aufzuweisen.

Trotzdem sind die Bilder Chagalls, auch wenn sie thematisch weit auseinanderliegen, mit dem gleichen Aroma gewürzt, und diesem sehr eigentümlichen Aroma, nicht dem fremdartigen Milieu, verdanken sie den Bezauberungseffekt, dem sich die einen willentlich überlassen, gegen den sich andere zur Wehr setzen. Auf eine höchst angenehme und hoffnungsvolle Weise wird die Realität in Frage gestellt, wird sie durchlässig für andere glücklichere Konstellationen. Wenn Liebespaare entschweben und die Schwerkraft nicht mehr imstande ist, Menschen und Dinge auf der Erde festzuhalten, wenn der Geiger sich in das Instrument verwandelt, das er spielt, wenn jede Form und jedes Wesen als nichtdefinitiv, als transistorisch zu gelten hat, dann allerdings entsteht eine Euphorie des Wunderbaren.