Gustav Mahler: „Das Lied von der Erde“; James King (Tenor), Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton), Wiener Philharmoniker, Leitung: Leonard Bernstein; Decca SET 331, 25,– DM.

Ich hatte diesen Zyklus von sechs Orchesterliedern, den Mahler (1860–1911) „eine Symphonie für Tenor, Alt (oder Bariton) und Orchester“ genannt hat, zweimal gehört, neugierig und mit einer gewissen Anteilnahme. Seit dieser Schallplatte müßte ich, wenn der Satz nicht diesen Konversationsklang angenommen hätte, sagen: ich liebe ihn – provoziert durch Qualitäten, die selten so überzeugend beieinander sind. Da ist erstens die technisch außerordentlich gute Aufnahme, die dem Hörer auch nicht das winzigste Instrumentationsraffinement des berühmten Wiener Hofopern-Direktors schuldig bleibt. Da ist zweitens die Präzision des Musizierens, die sich mit einer beinahe unheimlichen Intensität verbindet. Ergriffenheit breitet sich aus, Heiterkeit und Melancholie, und man spürt, daß Bernstein nicht nur Mahler-Kenner, sondern im besten Sinne „Mahlerianer“ ist, imstande also, diese eigenartige Selbstdarstellung eines Resignierenden zu realisieren. Mahler war, als er auf die chinesischen Gedichte stieß und sie drei Jahre vor seinem Tode in Musik setzte, bedrückt. Das Maß seiner innerlichen Bedrängnis mag man an der Zeile ablesen, die im letzten Gedicht steht: „Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold.“ Manfred Sack