Ernest Bevin – ein bedeutender Mann mit Minderwertigkeitskomplexen

Alan Bullock: The Life and Times of Ernest Bevin. vol. II. Verlag Heinemann, London, 408 Seiten, 63 sh

Ernest Bevin war in körperlicher Hinsicht ein Schwergewicht, das eine starke, reichlich kompromißlose Persönlichkeit besaß. Sie verbarg einen Charakter, der es verständlich machte, warum es seine Zeitgenossen so schwierig fanden, mit ihm in verträglichen Beziehungen zu stehen. Nicht ohne Grund nannte ihn die dritte Primadonna – Lord Beaverbrook – „ein mächtiges Biest“. Trotz aller Antipathien, die Bevin zu erwecken wußte, darf er als der prominenteste englische Gewerkschaftsführer unserer Zeit gelten, wahrscheinlich der letzte, der sich seinen steilen Weg als „Selfmademan“ von der Pike hinaufgedient hatte.

Sein Beitrag zum britischen Sieg im Zweiten Weltkrieg war außerordentlich. Ohne Bevin als Arbeitsminister (einen Posten, den er von 1940 bis 1945 füllte) hätte es im Inselreich keine im wesentlichen zufriedene Arbeiterklasse gegeben. Die geringe Zahl der Streiks bestätigte dies, und Bevins erfolgreiche Methoden, mit diesen Ausständen fertig zu werden, bilden einen Pluspunkt in seiner Kriegskarriere, der viel zu geringe Aufmerksamkeit gefunden hat.

Trumpfkarte, die immer sticht

Alan Bullock, führender Historiker der Zeitgeschichte und Master of St. Catherine’s College in Oxford, legt nun den zweiten Band seiner Monumentalbiographie des Arbeiterführers vor, die sich ausschließlich mit seiner Kriegstätigkeit befaßt. Ein dritter Band, der Bevins Amtstätigkeit im Foreign Office schildern wird, steht noch aus. Angesichts der Tatsache, daß Bevin kaum private Papiere oder Entwürfe für eine Autobiographie hinterlassen hat, erscheint es wie eine Herausforderung zu einem Marathonlauf, von dem Leser so viel Aufmerksamkeit vorauszusetzen, sich praktisch durch 1200 Seiten durchzuarbeiten. Für den Kritiker ist eine Besprechung um so schwieriger, als die Erinnerung an Bevin, den Außenminister, heute noch so frisch und umstritten ist; er muß sich Zügel anlegen, um sich zur Objektivität anzuhalten. Schließlich ist die Krise im Nahen Osten ein unmittelbares Ergebnis der Außenpolitik Ernest Bevins.

Alan Bullock besaß keinen Zutritt zu den Kabinettspapieren und offiziellen Dokumenten der Periode, mit der wir es zu tun haben, da ihm die Bestimmung, sie dreißig Jahre lang unter Verschluß zu halten, beträchtliche Beschränkungen auferlegte. Deswegen enthält dieser zweite Band der Biographie kaum etwas Neues für den kompetenten Studenten der Zeitgeschichte, selbst wenn Alan Bullock, der sich zu einer aufrichtigen Verehrung für Ernest Bevin bekennt, oft zu viel Kredit für seinen Helden in Anspruch nimmt. Bullock scheint sich tatsächlich einen historischen Ausspruch Bevins zum Motto seines Buches gewählt zu haben: „Ich bin wirklich unter Millionen die Trumpfkarte, die immer sticht.“ Aus dieser selbstsicheren, wenn nicht gar anmaßenden Grundeinstellung läßt sich Bevins manchmal zwiespältige Haltung zur Labour Party erklären, seine persönlich etwas kleinliche Abneigung gegen Herbert Morrison verstehen und seine bedingungslose Loyalität Churchill gegenüber begreifen. Diese Bekenntnistreue ging zeitweise so weit, daß Bevin im Sommer 1945 daran dachte, vielleicht doch eine neue Partei zu gründen, da er den Abbruch der Koalition restlos mißbilligte.