Mein Sohn soll es einmal besser haben“, sagte mein Freund und lachte, weil ich ihn etwas verständnislos ansah. Ich dachte an seine gutgehende Arztpraxis in der Kleinstadt, sein hübsches Haus, seinen Wagen und auch wohl an das sicherlich stattliche Bankkonto, dessen Höhe ich freilich nur ahnen konnte, an den Sohn, der seit ein paar Semestern Medizin studiert. „Du bist nicht mit deinem Schicksal zufrieden?“ fragte ich.

„Jetzt schon“, antwortete mein Freund, „aber damals ... Wenn uns mein Sohn eines Tages eine Schwiegertochter aussucht, dann weiß ich, was ich dem jungen Paar zur Verlobung schenke. Denn auch meine Schwiegertochter soll es besser haben als damals meine Frau.“

Und nun fand er, er habe genug in Hieroglyphen geredet und sei mir eine Erklärung schuldig.

„Siehst du“, fuhr er fort, „ich habe bestimmt eine hervorragende Ausbildung genossen, auf der Universität wie in der Klinik, aber als ich dann meine Approbationsurkunde in der Hand hatte und meine eigene Praxis eröffnete, da stand ich vor Schwierigkeiten, die sich plötzlich ungeahnt vor mir auftürmten. Das erste Rezept mochte noch hingehen, obwohl ich vorher noch nie eines geschrieben hatte. Aber dann Buchführung, Liquidationen, Krankenkassenabrechnungen, Gutachten, mühsam auf der Maschine getippt, Fragebogen von Versicherungsgesellschaften. Wie man so etwas bewerkstelligt, hatte mir nie jemand gezeigt, und ich mußte es nun plötzlich können. Auch Ilse – das ist meine Frau – hatte keine Ahnung von alledem, und wir mußten uns gemeinsam im Schweiße unseres Angesichtes einarbeiten.“

Er fuhr fort: „Zu Anfang kostete das uns beide mehr Zeit als unsere damals noch recht kleine Praxis. Ich wage nicht auszudenken, in welche Katastrophen wir geschlittert wären, wenn uns eine Grippe-Epidemie in die ersten Monate hereingeplatzt wäre. Und deshalb“, so schloß er, „schenke ich meinem Sohn und seiner zukünftigen Frau zur Verlobung einen Kursus als Arzthelferin, wenn er sich nicht eine Ärztin aussucht. Selbst der würde ich raten, an ihr Studium noch ein halbes Jahr praktischer Praxisausbildung – vielleicht in Abendkursen – anzuhängen. Es macht sich bezahlt.“

Wie meinem Freund, dem die Bürokratie seines ärztlichen Anfanges so schwer zu schaffen machte, wird es auch einem anderen Mann gegangen sein, der kurz nach dem Kriege sein Studium begann. Er allerdings hatte schon sein Volksschullehrer-Diplom in der Tasche, als er sich entschloß, auf die Medizin umzusatteln. Morgens Kinder unterrichten und abends Anatomie hören, das allerdings war nicht möglich. So entschloß er sich, seine eben erworbenen pädagogischen Fähigkeiten und sein Hobby, die Stenographie, auf andere Weise in die klingende Münze umzuwandeln, die er zur Finanzierung seines Medizinstudiums brauchte.

Er beantragte die Erlaubnis, abends in den Räumen öffentlicher Schulen Kurzschriftunterricht zu erteilen. Und weil die Lernkonjunktur besonders günstig und die Reichsmark locker war, hatte er bald eine stattliche Schülerzahl und wenig Betriebsunkosten, denn die Klassenzimmer stellte man ihm für den beträchtlichen Betrag – sollte seine Erinnerung nicht trügen – von baren fünfundsiebzig Reichspfennig die Stunde zur Verfügung. Man meinte wohl, daß Leute, die abends Kürzel lernten, wenigstens für diese Zeit dem Schwarzen Markt ferngehalten würden.