Das Münchner Abkommen bedeutet eines der Haupthindernisse für die normalen Beziehungen Zwischen der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik. Für den einfachen Bürger unseres Landes ist „München“ ein Symbol für die großen Leiden, die sein Volk durch Hitler-Deutschland erfahren hat, für den Krieg und für die Zerschlagung seines Staates.

So ist es nur verständlich, daß die Tschechoslowakei als etwas ganz Natürliches und Selbstverständliches gerade von den Deutschen erwartet, sie sollten als Initiatoren und Nutznießer des Abkommens dieses eindeutig verurteilen und annullieren. Fast die ganze Welt hat es schon längst getan.

Auch die DDR hat das Ihre schon getan. Um so merkwürdiger ist es, daß sich die Bundesrepublik Deutschland dazu noch nach 17 Jahren nicht entschlossen hat.

Die Beteuerung der früheren Bundesregierungen, daß der Vertrag von Hitler zerrissen wurde, war keine Verurteilung des Abkommens. Mit anderen Worten hieß es: Es wäre noch heute gültig, wenn Hitler es nicht zerrissen hätte; also war es, nach dieser Auffassung, ein normaler völkerrechtlicher Vertrag.

Daß man keine territorialen Forderungen an die Tschechoslowakei hätte, besagt nichts. Ihre Grenzen stehen außer Frage, die ganze Welt anerkennt sie.

Übrigens wurde diesen beiden Beteuerungen sogar noch von einem ständigen langjährigen Regierungsmitglied und von vielen Verbänden, die man selten offiziell desavouiert hat, öfter widersprochen. Immer wieder hat man aber diesbezügliche Erklärungen mit dem sogenannten Heimatrecht und Selbstbestimmungsrecht verbunden. Dies alles hat das Vertrauen zu diesen Beteuerungen vermindert.

Die Erklärung der neuen Bundesregierung geht einen Schritt weiter, läßt aber noch manches zu wünschen übrig. Sie verurteilt zwar (zum ersten Male in diesem Zusammenhang) die Hitler-Politik, aber verurteilt nicht das Abkommen selbst. Sie konstatiert die Tatsache, daß das Abkommen auf Grund der Drohung von Gewalt zustande gekommen ist, zieht aber daraus nicht die logischen, politischen und rechtlichen Konsequenzen der Nichtigkeit des Abkommens. Obgleich sie nicht ausdrücklich das Heimatrecht erwähnt, knüpft sie noch immer an den Text die Frage der Sudetendeutschen.