Doch wieder schaltete die Agfa blitzschnell. Am späten Freitagnachmittag erwirkte sie in Berlin einstweilige Verfügungen gegen Porst und Quelle, in denen beiden Unternehmen untersagt wurde, Agfa Filme unter dem gebundenen Preis zu- Verkaufe. Gleichzeitig wurden gegen beide Unternehmen eine Liefersperre für alle AgfaBrodukte verhängt, der Umsatzbonus für das gesamte Jahr 1967 wurde gestrichen. Damit erlebten die Preisbrecher ihren "schwarzen Freitag". Sie haben zwar Filme in einer Menge verkauft wie nie zuvor, jedoch Stück für Stück mit Verlust gearbeitet.

Agfa gewährt dem Einzelhandel bei Filmen einen Rabatt von 30 Prozent. Wer Agfa Produkte für mehr als 180000 Mark im Jahr bezieht, bekommt zusätzlich einen Bonus von 10 Prozent. Porst und Quelle gehören zu den reichlich 100 Händlern, die diesen Spitzenbonus kassieren. Sie mögen also kalkuliert haben, daß für sie der 36er Umkehrfilm zu 13 50 Mark im Einkauf nur 8 50 Mark kostet. Bei einem Verkaufspreis von 9 90 Mark müssen sie rund 40 Pfennig Umsatzsteuer zahlen, haben also einen Bruttonutzen von einer Mark. In der Branche bezweifelt man, daß das die Kosten für Vertrieb und Werbung deckt, verkennt jedoch nicht, daß die Rechnung wegen der großen Werbewirkung hätte aufgehen können, wenn der Bonus nicht gestrichen worden wäre.

Nun aber — nachdem der Bonus gestrichen ist — kosten die Filme im Einkauf 9 45 Mark, einschließlich Umsatzsteuer entstehen Kosten von 9 85 Mark. Beim einzeln verkauften Film bleiben also ganze fünf Pfennig, bei der Dreier- und Zehner Packung liegt der Verkaufspreis unter den Kosten. Wobei noch nicht berücksichtigt ist, daß ja nicht nur der Bonus für die jetzt verkauften Filme, sondern für alle Bezüge von Agfa Produkten gestrichen worden ist. Das alles hält Porst nicht davon ab, weiterhin billiger zu verkaufen. Während Foto Quelle — nachdem die einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin am Samstagvormittag zugestellt worden war — wieder zu den gebundenen Preisen zurückkehrte, setzt Porst seine Preisaktion fort. Zwar sind die gängigsten Filme in einigen Porst Filialen schon ausgegangen, das Unternehmen versichert jedoch, es handele sich nur um Nachschubschwierigkeiten — die Zentrale sei nach wie vor gut sortiert. Im übrigen hat Porst gegen die einstweilige Verfügung beim Landgericht Berlin Widerspruch eingelegt, weil, wie es in einer Pressemitteilung heißt, "die gesetzlichen Voraussetzungen einer wirksamen Preisbindungsanmeldung von vornherein nicht vorgelegen haben und die Preisbindung für Umkehrfilme nadi wie vor lückenhaft ist".

Der Erfolg in der ersten Runde —> immerhin gelang es, die preissenkungswilligen Warenhäuser und die Photohändler der Universa Gruppe durch den schnellen Gegenschlag bei der Stange zu halten — hat die Industrie in ihrem Kampf für die Preisbindung bestärkt. Obwohl ein großer Händler, der den höchsten Umsatzbonus von 10 Prozent bekommt, an jedem Agfa Umkehrfilm für 36 Aufnahmen nach Abzug der Umsatzsteuer 4 46 Mark verdient, hält die Agfa die durch die Preisbindung garantierten Spannen für gerechtfertigt. Sie ist der Meinung, daß nur die Preisbindung, die für fast das gesamte Sortiment des Photohandels gilt, die Aufrechterhaltung des "Niveaus der deutschen Photospezialgeschäfte" sichert. Sonst, so fürchtet man in Leverkusen, werde die Serviceleistung notgedrungen zurückgehen müssen — die Lust des Amateurs am Photographieren werde dann nachlassen. Nicht alle Händler teilen diese Meinung. So stellt sich die Universa Gruppe, der eine Reihe großer Fachgeschäfte mit zusammen fast 100 Millionen Mark Umsatz an Photo- und Filmamateure angehört, schon jetzt auf den Fortfall der Preisbindung ein. Der Stuttgarter Photohändler Dr. Rolf H. Krauss erklärte für die Gruppe vor der Presse: "Wir glauben, daß uns die nächsten Jahre einen Aufschwung der Photographie und einen Massenmarkt mit photographischen Erzeugnissen bringen werden, wie wir uns das heute noch kaum vorstellen können. Dieser Markt wird sich, ob uns das schmeckt oder nicht, dabei weniger nach der fachlichen Qualifikation einiger Händler richten, sondern in erster Linie vom Preis bestimmt sein. Das bedeutet, daß der Photofachhandel nur noch einer von vielen möglichen Vertriebswegen sein wird, wenn er sich nicht rasch auf die neuen Verhältnisse einstellt " Krauss prophezeit, daß die Kosten des Handels nach dem Fall der Preisbindung — den er für unausweichlich hält — in einem scharfen Konkurrenzkampf rigoros gedrückt werden müssen. Beim einzelnen Händler bedeutet das den Wegfall jeder überflüssigen Serviceleistung. Für den Verbraucher jedoch werde diese Entwicklung günstig sein: "Er wird ordentliche Geräte aus aller Welt zu günstigen Preisen kaufen können " Vorerst haben jedoch die Gerichte das Wort. Das Kammergericht in Berlin muß sich entscheiden, ob die einstweilige Anordnung des Kartellamts in Kraft treten soll oder nicht, das Landgericht Berlin verhandelt am 10. Juli über den Widerspruch von Photo Porst gegen die von AgfaGevaert erwirkte einstweilige Verfügung und muß sich zusätzlich mit dem Antrag der Leverkusener Firma befassen, gegen Porst ein Strafgeld wegen des Verstoßes gegen die einstweilige Verfügung zu verhängen. Ruhig schlafen können nur die Manager von Ferrania, der europäischen Tochter der amerikanischen 3M Company: Sie haben zusätzlich zu ihrem bisherigen Angebot einen Umkehrfilm auf den Markt gebracht, bei dem Filmund Entwicklungspreis getrennt sind. Der 36erFarbfilm von Ferrania wird zu 7 50 Mark angeboten, für die Entwicklung muß der Händler netto drei Mark bezahlen, wobei ihm empfohlen wird, vom Kunden 4 50 Mark zu verlangen. Womit zwar der Rechtsauffassung des Kartellamts gefolgt, dem Verbraucher jedoch kein besonders interessantes Angebot gemacht wird. In England, wo man Filme inclusive und exclusive Entwicklung kaufen kann, entscheiden sich 95 Prozent für die Kopplung. Heinz Günter Kemmer