Das Münchner Abkommen von 1938 ist tot. Der Zweite Weltkrieg hat es ausgelöscht. Die Tschechoslowakei beharrt aber darauf, daß die Bundesrepublik es nochmals ausdrücklich für nichtig erklärt. Bedarf es wirklich einer solchen zweiten Beerdigung? Was sind die Gründe für dieses Verlangen?

Die Tschechoslowakei verbindet mit dem Begriff Münchner Abkommen die Vorstellung tiefster Erniedrigung ihres nationalen Daseins und begehrt von dem, der ihr diese dunkelste Stunde bereitet hat, ein Zeichen der Reue. Aus naheliegenden Gründen wendet sie sich nur an den einen Teil Deutschlands und entläßt den anderen aus der Verantwortung für die Vergangenheit. Im politischen Bewußtsein des heutigen tschechischen Volkes ist aus der Nichtigkeit des Münchner Abkommens ein Tabu geworden, von dessen Anerkennung oder Nichtanerkennung die Beurteilung über Gut und Böse abhängt. Welche tiefe Wunde müssen die Vorgänge von vor 30 Jahren geschlagen haben, wenn sie noch in unseren Tagen solche Emotionen auszulösen vermögen!

Das Verlangen nach einer solchen Nichtigkeitserklärung ist um so heftiger geworden, je mehr Widerstände sich auf deutscher Seite gezeigt haben. Frühere Bundesregierungen haben darauf nur ausweichend geantwortet, die Sache sei erledigt, da man keine territorialen Forderungen stelle. Eine keineswegs glücklichere Formulierung bestand in dem Hinweis, das Abkommen gelte nicht mehr, weil Hitler selbst es zerrissen habe. Und schließlich gibt es Gruppen in der Bundesrepublik, die in einer Nichtigkeitserklärung einen vorzeitigen Verzicht sehen, der allenfalls bei einem Friedensvertrag gegend irgend etwas eingehandelt werden könnte oder der die Grundlage für einen Rückkehranspruch der aus dem Sudetenland Vertriebenen bilde. Gerade derartige Formulierungen sind geeignet, das Mißtrauen der Tschechoslowakei wachzuhalten.

Die etwas ausweichende Haltung der Bundesregierung hat andere Gründe: Mit einer Nichtigkeitserklärung kann man den geschichtlichen Vorgang nicht aus der Welt schaffen. Er hat als historisches Ereignis einige Fragen heraufbeschworen, die noch nicht gelöst sind: Staatsangehörigkeitsfragen finanzielle Probleme, Enteignungsprobleme. Andererseits hat die Tschechoslowakei Beträge als deutsche Kriegsschulden errechnet. Es ist nun eine mehr taktische Frage, ob das Problem München isoliert betrachtet wird oder ob nicht auch von dem gesprochen wird, was nach 1945 mit der deutschen Bevölkerung geschehen ist, um so zu einer Gesamtbereinigung zu kommen, die schneller zu einer Normalisierung führt.

Ohne deutsche Unterschrift

Grob zugespitzt stellen sich die Auffassungen so dar: Nach der Prager Version soll zunächst die Nichtigkeit des Münchner Abkommens ausgesprochen werden (ohne die Vorgänge von 1945 und später zu erwähnen), dann sollen vielleicht diplomatische Beziehungen aufgenommen und möglicherweise die Sachregelungen getroffen werden. Die deutsche Öffentlichkeit ist mehr der Ansicht, daß die Aufnahme normaler Beziehungen am Anfang stehen und dann die Sachfragen einschließlich Münchner Abkommen geregelt werden sollten, wobei auch die Probleme einzubeziehen wären, die durch die Vertreibung entstanden sind. Der Unterschied besteht also nicht in dem Auf Aufrechterhalten-Wollen des Münchner Abkommens einerseits und dem Verlangen nach Nichtigkeit andererseits, sondern in der taktischen Frage seiner Liquidierung.

Genau genommen handelt es sich gar nicht um das eigentliche Münchner Abkommen vom 29. September 1938, sondern um jenes Dokument, in dem die Tschechoslowakei zum ersten Male zur Abtretung des Sudetenlandes aufgefordert wurde. Dies ist in der gemeinsamen Botschaft Großbritanniens und Frankreichs vom 18. September 1938 geschehen. Dieses Schriftstück trägt keine deutsche Unterschrift, wiewohl Deutschland sein Nutznießer war. Präsident Benesch beugte sich dieser britisch-französischen Forderung. Er mußte so handeln, weil die Lage für die Tschechoslowakei hoffnungslos war: Polen und Ungarn meldeten ebenfalls für ihre Minderheiten territoriale Ansprüche an, hierin von Hitler heftig unterstützt. Die Slowakei beanspruchte Autonomie. Im Weigerungsfall drohte Krieg.