Indem, daß bei uns viel Aufregung entstanden ist wegen Ihrer Felbertauernstraßen-Predigt, wo Sie unsere Stadt als „Sündenbabel“ bezeichnet haben, möchte ich Ihnen ehrerbietig in die Seite treten. Es ist wahr!

Indem ich als Bürger der Freien und Hansestadt es erst gar nicht so gemerkt hatte, habe ich es als christ-katholischer Mensch dann leider begriffen: Bei uns in Hamburg „kann man“, wie Sie sehr richtig sagten, „nur verkommene Menschen und verlebte Kindergesichter sehen“.

Die Hamburger Zeitungen natürlich wollen das nicht wahrhaben, was Sie als Bischof von Innsbruck bei der Felbertauernstraße festgestellt haben: „Hütet euch vor Hamburger Touristen, welche die Tiroler Bevölkerung verseuchen!“ Aber ich trete Ihnen, wie gesagt, ergebenst in die Seite.

Indem, daß ich schon mehr als zwanzig Jahre in Hamburg wohne, muß ich sagen, daß ich nur sehr selten auf St. Pauli war, wo es am schlimmsten ist. In den ersten Jahren bin ich öfters hingegangen, weil ich die unsittliche Gefahr noch nicht erkannt hatte. Es ging mir nicht anders, als es den Musikern aus Ihrer Diözese erging: ich ging hin, und wuppdich, wuppdich, fidelduludei. Aber ich habe es zu Hause nicht erzählt, und daher haben meine Frau, mein Fahrer, mein Pfarrer und mein hiesiger Bischof nichts erfahren. Mea culpa. Wohl habe ich mich geschämt; aber ich habe es nicht breitgetreten, wie es Ihre musikalischen Diözesankinder getan haben. Diese erzählten es ihren Frauen, diese ihren Herren Pfarrern, diese Ihnen, dem Herrn Bischof. Ich habe hinterher gebadet.

Indem, daß ich feststelle, daß Sie, Hochwürden Herr Innsbrucker Bischof Dr. Rusch, vollkommen recht haben mit Ihrer theologischen Ansicht über unser hamburgisches „Sündenbabel“, möchte ich Ihnen in die Seite treten: Auf die bürgerlichen Proteste aus Hamburg müssen Sie nicht hören! Diese kommen von der Seite der Spießer, die für Anstand und Sitte eingenommen sind und immerzu in die Kirchen beider Konfessionen rennen, anstatt nach St. Pauli. Die Hamburger gehen... eben nie nach St. Pauli, wie auch ich nie mehr nach St. Pauli gehe, wie früher. Nach St. Pauli, wo das „Sündenbabel“ herrscht, und wo schon die Babys, kaum zur Welt gekommen, ganz runzelige, verlebte Gesichter haben, gehen nur die Fremden, die aus Flensburg, Lüneburg und Innsbruck.

Indem, daß die hanseatischen Spießer es nicht besser wissen, möchte ich Ihnen in die Seite treten. Denn es ist wahr: Hamburg ist ein Sündenbabel. Bloß gehen die Hamburger nicht hin, sondern auf andere Plätze, beispielsweise nach Tirol, wo sie noch nicht einmal einen Unterschied merken: Alles ist ganz sittenrein; nur daß man bei Ihnen jodelt. Dies hören die Hamburger; sie sind gerührt und weinen, sie denken nicht mehr an die verlebten Gesichter der Kinder von St. Pauli, wo die Unzucht und der Mädchenhandel blühen. Sie sind reich, eben Hanseaten, und machen den Mund auf und jodeln mit; und ansonsten machen sie Geschäfte und obendrein noch Spenden für unterentwickelte Länder.

Indem, daß einige Hamburger sogar so weit gegangen sind, Sie, Hochwürden Herrn Innsbrucker Bischof, nun nach Hamburg einzuladen, damit Sie sich von der Reinheit der hanseatischen Sitten selber überzeugen, kann ich nur sagen: Tun Sie das nicht! Entweder geht es Ihnen wie heute mir: Sie langweilen sich zu Tode, während in ganz Hamburg lauter Kirchenglocken läuten. Oder es geht Ihnen wie früher mir: Sie gehen nach St. Pauli, wo schon zwanzigjährige Kinder ziemlich verlebte Gesichter haben, aber flott, Herr Bischof, äußerst flott – wenn ich mich recht erinnere.