Von Heinz Josef Herbort

Die Dame im Pariser Büro einer großen Schallplattengesellschaft bedauerte: ausgeschlossen, unmöglich; Swjatoslaw Richter, cet komme célèbre, in Tours, in der Provinz, nein, da sei Monsieur doch wohl falsch informiert.

Das war im Sommer 1963.

Madame konnte sich ihre Entschiedenheit leisten. Nur zu genau wußte sie, daß musikalisches Leben und besonders der Auftritt der ganz Großen in Frankreich sich in Paris abspielt; daß dies zwar viel beklagt und oft gerügt, daß auch einiges dagegen begonnen wurde, Erfolge sich aber nur spärlich zeigten; daß Pierre Boulez die Dinge beim richtigen Namen nannte: „Die Verantwortlichen in Paris sind zu alt und zu stolz, als daß sie etwas ändern wollten, und bei den Leuten draußen mangelt es an Initiative.“

Nun, die Dame im Büro in der Rue Cavallotti tat trotzdem gut daran, der unwahrscheinlichen Geschichte aus Tours nachzugehen. Denn sie fand heraus, daß der komme célèbre in der Tat aus der Reihe tanzte und in der Provinz, eben in Tours, gastierte.

Das hatte zwei Gründe.

Eine kleine Gruppe Interessierter, die es leid waren, immer die 240 Kilometer bis in die Metropole fahren zu müssen, wenn sie mehr und Besseres hören wollten als die sechs Sinfoniekonzerte, die das in erster Linie aus Konservatoriumslehrern bestehende Orchestre municipal de Tours seit neun Jahren anbot, gründete 1961 eine Société des Amis de la Musique; sie holte die Stars nach Tours, veranstaltete Kammermusikabende und Solo-Recitals, Wilhelm Kempff kam und Yehudi Menuhin – und im Juli 1963 eben auch Swjatoslaw Richter.