Dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin mochte noch der Jubel von Glassboro in den Ohren geklungen haben, als er auf seiner Rückreise nach Moskau in Havanna Station machte.

Doch die Kubaner sahen keinen Anlaß, Kossygins Besuch zu feiern. Denn der Kremlführer war gekommen, um Fidel Castro vor Abenteuern zu warnen. Dabei konnte Kossygin mit dem stillschweigenden Einverständnis von US-Präsident Johnson rechnen. Denn keine der beiden Supermächte ist daran interessiert, von Castro in Lateinamerika in eine Konfrontation hineingezwungen zu werden, wie sie der israelisch-arabische Krieg heraufbeschworen hatte.

Die gemäßigte Haltung der Sowjetunion in den Nahostdebatten der Vereinten Nationen aber hatte Fidel Castro als „Kapitulation“ gegeißelt. Noch weniger Sympathien bringt er der sowjetischen Politik in Lateinamerika entgegen, die sich dort wirtschaftlicher, politischer und propagandistischer Mittel bedient, die sich mit der These von der friedlichen Koexistenz in Einklang bringen lassen.

Dem militanten Revolutionär Castro aber ist das nicht genug. „Vor aller Welt“ schwor er: „Unsere Revolution wird ihre eigene Linie verfolgen.“ Und in der Tat – die jüngsten Aufstände in Bolivien und Venezuela tragen nur allzu deutlich die Handschrift des bärtigen Kubaners und seines Guerilla-Spezialisten die Guavera, der in Bolivien wieder auftauchte.

Gewiß, Kossygin konnte auf seiner kubanischen Mission die massive wirtschaftliche Hilfe ins Feld führen, um Castro unter Druck zu setzen. Vier Millionen Mark transferiert Moskau täglich nach Havanna. Zwei Drittel der kubanischen Zuckerernte kaufen die Sowjets 1967 auf.

Und doch hat Kossygin mit Castro kaum einen Akkord erzielt. Eine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS meldete, die beiden Staatsmänner hätten einen „freimütigen Meinungsaustausch über eine Reihe von Fragen“ geführt. Das Wort „freimütig“ wird in solchen Verlautbarungen gewöhnlich als Indiz für den Austausch gegensätzlicher Meinungen interpretiert.