Fernsehen im Dilemma zwischen grau und bunt

VonCornelia Jacobsen

Das Bild auf dem Monitor ist grau in grau, und ich kann nur schwer erkennen, was hier eigentlich gezeigt wird. Man hat den vagen Eindruck, daß es sich um eine Wiese handelt. Der Bild-Ingenieur hinter mir drückt auf einen Knopf, und plötzlich erscheint dasselbe Bild in Farbe und ist deutlich: eine Wiese mit langen Gräsern in verschiedenen Grüntönen, dazwischen roter Mohn, sehr hübsch und sehr naturgetreu. Kaum aber habe ich „aah“ gesagt, so wie die Zuschauer beim Feuerwerk, wenn die bunten Garben vom Himmel herabrieseln, da winkt der Bildingenieur schon ab: „Taugt nicht viel, dieses Dia.“

Ort der Handlung: das Versuchslabor für Farbfernsehen im Sender Freies Berlin. Hier wie an den anderen Fernsehanstalten der Bundesrepublik probt man die Farbe; oder besser gesagt: man probiert mit der Farbe. Das Diapositiv mit den Mohnblumen, so dekorativ es farbig ist, ist „durchgefallen“, weil es für die Schwarz-Weiß-Seher nur ein schwer erkennbarer grauer Mischmasch ist. Da aber auf demselben Kanal sowohl farbig als auch schwarz-weiß gesendet wird (immerhin werden nach dem offiziellen Farbfernsehstart auf der Berliner Funkausstellung nur knapp ein Prozent der Zuschauer bunt sehen), müssen die Bilder in beiden Versionen gleichermaßen wirkungsvoll sein, ob es sich nun um Dias, Filme oder den Bildhintergrund für Ansagen handelt.

Bei den Versuchen hat sich ergeben, daß Bilder mit wenig verschiedenen Farben und relativ großen Farbflächen am besten für solche Doppelwirkung geeignet sind. Was auf der großen Kinoleinwand noch schön bunt ist, wäre auf dem kleinen Bildschirm zu bunt, um schön zu sein, und auf dem schwarz-weißen Schirm wäre es unruhig und nicht plastisch genug.

Auf dem Monitor ist jetzt als Testbild eine sogenannte Grautreppe erschienen; das sieht aus wie eine Markise mit Streifen von Weiß bis Schwarz. Wieder ein Knopfdruck, und die Markise wird bunt. Geht man ganz nah an den Bildschirm heran, oder nimmt man gar eine Lupe, um das Bild zu betrachten, dann fällt einem zweierlei auf: erstens, daß sich das farbige Bild aus Punkten zusammensetzt – im Gegenteil zu den Zeilen des Schwarz-Weiß-Bildes – und zweitens, daß weiß gar nicht weiß ist, sondern aus winzigen roten, grünen und blauen Pünktchen besteht. Auch die anderen Farben sind „zusammengesetzt“. Der Bild-Ingenieur spricht von „additiver Farbmischung“ und davon, daß 1,2 Millionen Farbpunkte auf der Mattscheibe erscheinen; er erzählt etwas von elektronischen Farbimpulsen, und allmählich wird es sehr, sehr technisch.

Ungewollte Effekte