Ein Mythos wurde zerstört – Die Westfalen sind anders als ihr Ruf

Soest

Die letzte Jahrestagung des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens in Soest wird stammesbewußten Westfalen als ein schwarzer Tag im Gedächtnis bleiben. In der "heimlichen Hauptstadt des Westfalenlandes" wurde ein Mythos zerstört: "Die Vorstellung eines seit der Völkerwanderungszeit vorgegebenen, in allen Kulturäußerungen einheitlichen Stammesraumes Westfalen ist unhaltbar."

Untersuchungen über die geographische Herkunft und die anthropologische Beschaffenheit der westfälischen Bevölkerung führten zu dem "schockierenden" Ergebnis, daß nur noch jeder zweite Bewohner Westfalens auch dort geboren wird und daß ausgerechnet in weiten Teilen des Münsterlandes nicht der "fälische", sondern der "rheinische Typ" vorherrsche. Die stärkste Ausprägung des fälischen Typus, der nach bisheriger Vorstellung kennzeichnend für die Bevölkerung Westfalens sein soll, findet sich vielmehr im Sauerland und im Gebiet um Paderborn.

Noch "erlebnistief"?

Diesen Dolchstoß in den Rücken heimatbewußter Verfechter westfälischer Interessen haben die Westfalen kurioserweise selbst geführt. Vor vierzig Jahren begründeten Wissenschaftler und westfälische Kommunalpolitiker ein umfangreiches Forschungsunternehmen, um Geschichte, Wirtschaft, Verwaltung, Gestalt und Wesen Westfalens zu ergründen. "Der Raum Westfalen", wie man das Werk nannte, sollte die Idee der aus grauer Vorzeit gewachsenen Einheit des Westfalenstammes wissenschaftlich untermauern. Hermann Aubin, einer der Herausgeber, bekannte sich noch vor kurzem zu diesem Leitmotiv. Im Falle Westfalens – so schrieb er – stelle sich das Problem des Kulturraumes anders als im benachbarten Rheinland. Die Vorstellung von einem Raum mit eigenen, gemeinsamen Zügen seiner Bewohner sei hier längst vorgegeben. Aubin beschwor den Karthäusermönch Werner Rolevinck, der schon 1474 ein Buch "Zum Lobe Westfalens" verfaßt habe. Er nannte als Kronzeugen Immermann und die Droste, die Mitte des 19. Jahrhunderts in "Münchhausen" und den "Bildern aus Westfalen" einen unersetzlichen Grund zur Erkenntnis des Westfalentums gesetzt und westfälische Art für die Nachwelt aufgezeichnet hätten.

Bis zum vierten Band ging alles gut. Die Untersuchungen über "Grundlagen und Zusammenhänge", über "Geschichte und Kultur", "Wirtschaft, Verkehr und Arbeitsmarkt", sowie "Volkskunde, Baugeschichte, Malerei, Plastik und Volkskunst" bewegten sich im überlieferten Rahmen. Die ersten Zweifel am westfälischen Mythos kamen nach dem Zweiten Weltkrieg. "Der in früheren landeskundlichen Forschungen postulierte Stammesbegriff war zu überprüfen und neu zu durchleuchten." Frau Professor Ilse Schwidetzky, Direktorin des Instituts für Anthropologie an der Universität Mainz, erhielt den Auftrag, "Untersuchungen zur anthropologischen Gliederung Westfalens" anzustellen.