Mittwoch, 28. Juni, 20.15 Uhr, Erstes Programm: "Die Preußen", ein Film von Peter von Zahn

Nicht viel hätte gefehlt, und ich wäre ihm auf den Leim gegangen, dem Peter von Zahl, der in seinem Film über die Preußen eine kleine Galerie von Verehrern des fritzischen Staates, ein Gespenster-Kabinett, präsentiere, das sich eher wie eine Kuriositäten-Sammlung ausnahm. Da wurden im Junkertonfall, an dem gemessen die Schauspieler-Parodien wie zierliche Echos erschienen, die Begriffe Passion und Einsatz, Pflicht, kategorischer Imperativ und Mehr sein als scheinen analysiert; da hieß es, Preußen bedeute Tradition und Gesinnung, da wurden Gehorsam und Dienstbarkeit zu absoluten Werten erklärt, und niemand stellte die Frage, ob nicht auch zu bedenken sei, wem denn, welchen Männern und welchen Maximen, gehorcht werden müsse.

Arbeiter sprachen nicht über Preußen in dieser Sendung, Sozialisten nicht und alle jene nicht, die sich in erster Linie um das alte metaphysische Märchen voller Wundergeschichten, Widersprüche und Widersinn kümmern, das, aus der glühenden Einbildungskraft des Orients entsprungen, sich über Europa verbreitet hat. (So Friedrich II. im Politischen Testament von 1768 über die christliche Religion.)

Angehörige des Roten Preußen, der Deutschen Demokratischen Republik also, die viel von der Atmosphäre fritzischer Amtsstuben bewahrt hat, tauchten in Peter von Zahns Film so wenig wie die Vertreter jenes Freistaates auf, den der alte Mann von Sanssouci als paradiesisch, doch leider auch als von Tieren bevölkert deklarierte, ein Dorado der Fruchtbarkeit und der Unwissenheit: Bayern also hatten, keine Gelegenheit, sich über Preußen im allgemeinen und das Präfix Sau im besonderen Gedanken zu machen.

Und dennoch waren sie alle dabei, die Arbeiter und die katholischen Frommen, die Junker-Feinde und die Freunde der Russen, die Spengler-Gegner und die Fontane-Gourmets: von Zahn selber war es, der sich zum Sprecher der Schweigenden machte, der die Elogen der beredten Ideologisierer im Mercedes und auf dem Bundeswehrwagen zurücknahm, den Mangel an Toleranz beklagte, die Linie betonte, die von Yorck zu Stauffenberg führt, und seinen Verfremdungsbericht mit der Maxime abschloß: "Die preußische Legende war ein Erfolg, Preußen selbst war es nicht." Das Positive nicht unterschlagend, den Willen zur Reform und die Begabung, sich in Windeseile zu reformieren, gab der Kommentator zugleich den Blick auf jene Karikatur Altpreußens frei, die im Zeichen der Industrialisierung ein Dreiklassenwahlrecht schuf.

War das entworfene Bild also gerecht? Kamen beide Parteien zu Wort? Nun, ich meine, die Verteidiger seien an diesem Abend zu schwach, der Staatsanwalt zu überlegen gewesen. Marion Gräfin Dönhoff und Wolf Jobst Siedler, der Verfasser des meisterlichen Essays über den Untergang Preußens, hätten die Sache des Beklagten besser vertreten als die reaktionären laudatores tempori acti im Film. Es war nicht gut, die Preußen in Gestalt von befremdlich wirkenden Fossilien und verkleideten Schauspielern auf die Bühne zu führen. Das Gespräch zwischen Preußen und Preußen, zwischen Witzleben und Freisler, wäre der Sache gerechter gewesen als der Scheindialog zwischen Peter von Zahn auf der einen und Otto Gebühr u. Co. auf der anderen Seite.

Von Ausnahmen abgesehen, war Borussia an diesem Abend nur, wie Friedrich II. zu sagen pflegte, durch Trommler und Gaukler vertreten.

Momos