Es bleibt dabei: Die Bundesrepublik hat nun auch offiziell zu wenig Lehrer. Eine umfängliche Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz zur Entwicklung der Schülerzahlen und des Lehrerbedarfs sagt es – zwar nicht immer schwarz auf weiß, aber zwischen den Zeilen und Zahlen und fast immer deutlich genug.

1961 kamen in Deutschland auf hundert Verdienende dreiunddreißig Schüler; 1970 werden es einundvierzig sein; achtzehn Prozent der gesamten Bevölkerung, etwa elf Millionen, werden dann zur Schule gehen. „In diesen Relationen“, so heißt es in der Vorausschätzung der Kultusministerkonferenz, „zeichnet sich eine Entwicklung ab, die die Bildungspolitik in der Bundesrepublik auf Jahrzehnte hinaus vor schwierigste Probleme stellen wird. Die beschleunigte Expansion des Bildungswesens wird von einer sich abflachenden Zunahme, später sogar von einem Rückgang der Zahl derjenigen begleitet, aus deren Steueraufkommen diese Expansion... überwiegend finanziert und aus deren Bestand ein zunehmender Lehrerbedarf gedeckt werden muß.“

Die Probleme sind in der Tat schwierig. Zwar fehlen Lehrer nur in bestimmten Schularten, denn die Schülerzahlen steigen seit 1962 in den Realschulen und Gymnasien stärker an als in anderen Schulgattungen. „Eine alle Bevölkerungsschichten ansprechende Bildungswerbung hat diese Neigung nicht unerheblich gefördert.“ Das bedeutet aber, daß sich die Situation in den Sekundärschulen ständig verschlimmert hat und noch kein Ende abzusehen ist, während in den Volksschulen – auch durch eine betonte Werbung für den Beruf des Volksschullehrers – keine besonderen Engpässe mehr zu erwarten sind.

In den Sekundärschulen sind wiederum vor allem die naturwissenschaftlichen Fächer betroffen: Mathematik, Physik, Chemie und Biologie stehen ganz oben auf der Skala der Schwierigkeiten. So sagen es die Kultusminister. In den Alltag übertragen heißt das: In vielen Bundesländern wird die Hälfte aller Gymnasiasten in einem oder mehreren dieser Fächer gar nicht oder höchst unzureichend unterrichtet.

„Dies muß vorübergehend in Kauf genommen werden, zumal der bestehende Lehrermangel nur durch den Ausbau der Gymnasien auf die Dauer behoben werden kann.“ Ganz so gelassen sollte es doch nicht hingenommen werden. Denn wie etwa bei einem Schüler die Lust geweckt werden kann, Lehrer eines Faches zu werden, das er so gut, wie gar nicht kennt, das ist ein Geheimnis, zu dessen Lösung die KMK nichts beiträgt.

Neben solchen Kleinigkeiten fällt an den Voraussetzungen der Kultusminister auf, daß die Personalfrage wieder einmal losgelöst von allen anderen Schwierigkeiten der Schule betrachtet und berechnet wird. Es wurde geschätzt, als solle sich bis 1970 und weiterhin in unseren Schulen nichts ändern; auch Anmerkungen deuten nicht auf einen möglichen Wandel hin; und die aufgeführten kurz- und langfristigen Maßnahmen der einzelnen Länder richten sich immer nur auf die Vergrößerung der Lehrerzahl, nicht auf vernünftigere Ausnutzung der Lehrerkraft.

Lehrer kann man aber nicht in unendlicher Zahl aus dem Boden stampfen, auch nicht „langfristig“ – und man kann sie vor allem in unbegrenzter Zahl gar nicht bezahlen. Um den Lehrermangel zu beheben, ist es also nicht genug, daß nach ungenutzten Personalreserven gefahndet wird. In den Schulen selber nämlich stecken ungenutzte Reserven, herrscht ein für manchen Lehrer qualvoller Leerlauf und wird Zeit für Dinge verschwendet, die mit Unterricht nichts zu tun haben. Durch Rationalisierung der Verwaltung und des Unterrichts, durch mehr Zutrauen in die jedem Industriebetrieb vertrauten Methoden der Arbeitsplanung, durch die Befreiung des Lehrers von Abfragereien und mechanischen Lernvorgängen ließe sich da noch manches erreichen.

Ich bin nicht der Meinung, wir sollten uns, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, damit abfinden, daß auf Jahre hinaus Realschüler und Abiturienten entlassen werden, in deren Zeugnissen steht: In dem oder jenem Fach konnte eine Note nicht erteilt werden, denn es fand kein Unterricht statt. Hilke Schlaeger