Zwei Rektorinnen hat es bisher im Deutschland der zweiten Nachkriegszeit gegeben. Die erste in der DDR und die zweite, Professor der Chemie, an der Universität Heidelberg. Vor einem Vierteljahr ist die dritte Magnifizenz dazugekommen, an der Deutschen Sporthochschule in Köln wurde ihr jetzt in einem feierlichen Akt die Amtskette übergeben.

Als ich Prof. Liselott Diem im Hauptgebäude vor einer Kopie der Bronzestatue des Poseidon vom Kap Artemision traf, kam sie noch im Sportdreß gerade aus dem didaktisch methodischen Seminar, das sie geleitet hatte. Eine weibliche Magnifizenz im Trainingsanzug! Aber sie wollte sich doch noch rasch umziehen, dann könnten wir zusammen in der Mensa essen und dabei etwas plaudern. So habe ich Zeit mich etwas umzusehen. In den lichterfüllten modernen Räumen weht noch ein Hauch jener Coubertin Diemschen Griechensehnsucht, die heute im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts schon liebenswert museale Züge anzunehmen beginnt. Nicht weit vom Poseidon, dem Schleuderer ohne Dreizack, entfernt (vielleicht ist es auch Bruder Zeus!) ein Relief Kopf mit den vertrauten Zügen Carl Diems, alles sorgsam hinter Glas. Man hat seine Erfahrungen mit den Studenten und ihrem Ulk bei unbekleideten Gottheiten.

Auf der anderen Seite das große Modell des antiken Olympia. Etwas gerührt betrachtet man diese Leitbilder einer versinkenden Epoche des Sports, die auch noch den Standpunkt der neuen Rektorin markieren, in einer Zeit, in der das Plätschern der Wasser des Alpheios und das Säuseln in den ölbäumen des heiligen Haines kaum noch die rechte Begleitmusik zu der Mammutveranstaltung — genannt Olympische Spiele — zu sein scheint.

Mag auch die brennende Fackel, die der letzte Läufer der gewaltigen Stafette so symbolträchtig ins Stadion trägt, noch in den Gefilden von Elis entzündet werden, so wie es der Mann, dessen Porträt drüben hinter Glas blinkt, einst erdachte.

Der Lebenslauf der Liselott Bail nahm seine entscheidende Wendung, als sie selbst in den Bannkreis dieses außergewöhnlichen Mannes geriet. Sie war, in Wiesbaden als Tochter eines hohen Ministerialbeamten geboren, schon als Kind nach Berlin gekommen. Nach dem Abitur immatrikulierte sie sich, welch ein Wagnis, an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, die 1920 nicht zuletzt auch auf Betreiben Carl Diems gegründet worden war. In einem schlichten zweistöckigen Trakt war die erste Hochschule des Sports am Rande des ersten deutschen Olympiastadions, das 1913 noch der letzte deutsche Kaiser eingeweiht hatte und vertieft innerhalb der Grunewald Rennbahn lag, untergebracht.

1924 schrieb Carl Diem, daß es nicht die Philosophen und nicht die Pädagogen, sondern die Mediziner waren, die die Notwendigkeit einer Forschungsanstalt auf dem Gebiet der Leibesübung fühlten und anerkannten und daher auch ihre Arbeitsstätte und sich selbst zur Verfügung stellten.

Eine Feststellung, die man mit einer leichten Einschränkung auch heute noch, fast ein halbes Jahrhundert später, treffen könnte! Auch dies war bezeichnend, Carl Diem, der begnadete Autodidakt, erhielt von der medizinischen Fakultät der Berliner Universität den Dr. honoris causa, und der große Chirurg August Bier übernahm selbst das Rektorat der Hochschule.