Von Hermann Piwitt

Wie sehr der schlechte Zustand einer Gesellschaft den Zustand der -Wissenschaften in Mitleidenschaft ziehen kann, die ihn zu beschreiben versuchen, zeigt sich immer wieder am Beispiel der deutschen Geschichts- und Literaturgeschichtsschreibung im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert. Deutsche Literaturgeschichten wissen nichts oder nur Abfälliges zu berichten über einen Schriftsteller, der, wenn nicht als Publizist und Revolutionär, so doch als Prosaist und früher Zeuge des deutschen Realismus eine ganz und gar einmalige Erscheinung ist: Es ist die Rede von Georg Weerth.

Geboren 1822 in Detmold, gestorben auf Kuba 1856, Freund von Herwegh, Heine, Marx und Engels, gehörte Weerth als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung im Revolutionsjahr zu den Wortführern jener Linken, für die angesichts von fünfunddreißig deutschen Fürstentümern und wachsender Verelendung des Volkes nationale Einigung ohne soziale Revolution nicht mehr in Frage kam.

Die Zeit, in der Georg Weerth dichtete und stritt, ist mit den pusseligen Bildern Ludwig Richters, mit den historischen Balladen und Idyllen Uhlands und Hauffs, mit den Verskunststücken Rückerts dem öffentlichen Bewußtsein von heute nurmehr biedermeierlich-verblümt überliefert, und höchstens vor den Grimassen Spitzwegs mögen Aufgeklärte etwas ahnen von der Farce jener Untertanenherrlichkeit.

In diese Vorstellung von guter alter Zeit passen indessen die politisch-ökonomischen Tatsachen nicht, weder die von preußischem Militär zusammengeschossenen Weberaufstände noch die Berliner Elendsviertel, wie sie Bettina von Arnim beschrieb, noch das Schicksal der von Fürsten und herrschenden Rechtskreisen Zensierten, Eingekerkerten und Exilierten, das nicht einmal den Dichter der späteren Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, verschonte. Hier stellt der Band

Georg Weerth: „Ausgewählte Werke“, herausgegeben von Bruno Kaiser; Insel-Verlag, Frankfurt; 496 S., 24,– DM

eine notwendige und längst fällige Korrektur dar; denn lange, bevor Handel, Industrie und industrielle Arbeitswelt, Börsengeschäfte und soziale Frage in die hohe Literatur in Deutschland „offiziell“ Eingang fanden, sehen wir bei Weerth die politisch-ökonomischen Verhältnisse des Frühkapitalismus beschrieben, analysiert, dichterisch gestaltet. Je ein Fabrikant, ein verkommener Repräsentant des Hochadels und ein Arbeiter sind die Hauptfiguren seiner drei wichtigsten Prosawerke. Und so klein das Oeuvre des Jungverstorbenen ist, die deutsche Philologie wird sich daran gewöhnen müssen, daß es im angeblich so unfruchtbaren Interregnum zwischen Klassik und Realismus einen Dichter gegeben hat, der die Zeichen der Zeit begriff.