Von Rudolf Walter Leonhardt

Schön sein ist im Sommer schwerer als im Winter. Das ist nicht der Stoßseufzer eines älteren Herrn am Kampener Strand für Freikörperkultur. Es ist ein Werbe-Slogan der nordamerikanischen Bekleidungsindustrie.

Ein Nachmittag auf der expo 67 in Montreal genügt, seine tiefe Wahrheit zu ermessen. Man stelle sich zwei nicht eben zierliche Hinterbacken vor, in halblange orangenfarbene Shorts gepreßt, die zwei Nummern zu eng sind; dazu grüne Kniestrümpfe, dazwischen sonnengerötetes, nicht allzu festes Fleisch, geschmolzen, wie Hamlet es wünschte; darüber eine buntgemusterte Bluse mit Flecken mancherlei Herkunft; das Ganze präsentiert in einer Klarsichtpackung aus Cellophan, hundertfach, tausendfach ...

Die expo ist schöner als ihre Besucher. Hitze und Luftfeuchtigkeit haben seit der Eröffnung, Ende April, eine beinahe tropische Vegetation emporwuchern lassen. Die Klarsicht-Packungen picknicken im Grünen; denn die Restaurants sind, daran hat sich wenig geändert, teuer und dennoch überfüllt.

Ob die expo überhaupt teuer, oder gar zu teuer sei, darüber gibt es heftige Auseinandersetzungen. Hier ein paar Zahlen: Tageskarte 2,50 Dollar; Minirail Kurzstrecke 0,25; 1 Rum-Cocktail auf La Ronde 4,50; die Eintrittskarte für eine Aufführung der Hamburgischen Staatsoper 5,00 bis 15,00; ein Glas Bier 0, 80; Parkgebühr 2,00; Schwebebahn 0,75; gut ausgesuchte Hotelzimmer 12,00; schlecht ausgesuchte Motel-Zimmer (ohne jeden Luxus) 22,00 ... na, und so weiter.

Wer einen Dollar für vier Mark eingekauft hat, wird das nicht eben billig finden. Seine Seelenruhe kehrt wieder, sobald er, sich weniger an den Einkaufspreis als an die Kaufkraft haltend, beschließt: Für mich ist ein Dollar so viel wie zwei Mark. (Genießer rechnen schlicht: 1 Dollar = 1 Mark.)

Die expo ist also, wie manches andere, schön, aber teuer. Man kann sie auch billiger haben; doch dann ist sie nicht mehr so schön.