Essen

Aufruhr herrscht unter den 6000 Essener Schützenbrüdern. Die Forderung, Paradeschritt, Lametta und Ordensklimbim abzuschaffen, hat das Schützenvolk in zwei Lager gespalten. Hier die Traditionsbewußten, „die Kameraden, die stolz sind auf ihre Uniform“, wie es ihr „Oberst“, der 68jährige Josef Petry, erklärt. Dort die „Fortschrittlichen“, die die Schützenvereine von allem Ballast überholter Traditionen befreien wollen und ihnen nur die Aufgabe stellen, Geselligkeit zu pflegen und sportlich aktiv zu sein, „weil es sonst in zehn Jahren keine Schützenvereine mehr geben wird“.

Noch weiß niemand, wo in den 27 Schützenvereinen der Ruhrmetropole die stärkeren Bataillone stehen, denn der Bruderkrieg ist erst vor kurzem ausgebrochen, als die Lokalpresse veröffentlichte, wie radikal die Absage an alles militärische Gehabe gedacht ist.

Der Anstoß kam aus Essens ältestem Schützenverein, der 1390 gegründet wurde und also das ehrwürdige Alter von 577 Jahren hat. Sein 38jähriger Jugendwart ist der militante Anführer des Sturmlaufes gegen die Glanz-und-Gloria-Überlieferungen. Er hat über Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel der Vereine nachgedacht und beobachtet, daß die Vereinsoberen vor diesen Tatsachen gern den Kopf in den Sand stecken. Gutgemeinte Vorschläge nehmen sie kaum zur Kenntnis, weil sie sich scheuen, mit den schönen ehrwürdigen Traditionen zu brechen.

Wahre Schützentradition, so meint der reformbegeisterte Jugendwart, „ist doch nicht die Uniform des preußischen Heeres, die die Schützen heute tragen, mit Kragenspiegeln, Schulterstücken, Offizierskoppeln, Paradeschritt und gezogenen Degen beim Vorbeimarsch und auch nicht die Verleihung von Orden, die denen des Kaiserreichs so ähnlich sehen“. Schützen seien früher freie Bürger einer Stadt gewesen, willens, diese und die eigene Familie in schlimmen Zeiten mit der Waffe zu verteidigen. „Sie waren niemals militärisch. Warum sich also soldatisch kleiden und militärisch gebärden?“

Die Jugend von heute, glaubt der rebellische Jugendwart, könne nur durch den Sport gewonnen werden, durch Schießwettkämpfe und Meisterschaften auf einem Gebiet, das auch bei Olympischen Spielen vertreten ist. Sein Vorschlag: „Schafft die jetzigen Uniformen einschließlich allen Lamettas ab. Wenn schon einheitliche Schützentracht, dann eine, die vollkommen unmilitärisch ist. Nach zwei verlorenen Weltkriegen mit viel Elend sitzt in unserem Volk ein vielleicht unbewußter Widerwille gegen die Art unseres Auftretens und unserer Kleidung. Wir sind passé.“

Schützen pflegen es mit Fassung zu tragen, wenn ihr Auftreten von Außenstehenden belächelt wird. So massive Kritik, dazu noch aus der eigenen Reihen, ist aber zuviel, so etwas hat es noch nicht gegeben. Die einen empfinden dies als Skandal, die anderen, Jüngere zumeist, sehen darin ein reinigendes Gewitter.