Sind die Araber dabei, ihre Niederlage zu verdauen, die Israelis ihren Sieg und die Russen den Schock von Sinai?

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus. In den Redeschlachten der UN-Vollversammlung führte bis zuletzt die Unversöhnlichkeit das große Wort; in den letzten Tagen sprachen zwischen El Kantara und Port Fuad aufs neue die Geschütze; und die Eingliederung Alt-Jerusalems hat deutlich werden lassen, daß der Sieger des Sechstagekrieges vor allen Verhandlungen bestimmte unumstößliche Tatsachen schaffen will. Dem zweiten Blick enthüllen sich jedoch auch einige hoffnungsträchtige Zeichen. Wenngleich die Vernunft nirgends schon Oberwasser zu haben scheint, so zeigen sich doch allenthalben Regungen eines nüchternen Realismus. In Kairo, Jerusalem und Moskau beherrschen die "Falken" das Feld nicht länger allein. Neben ihnen verschaffen sich auch die "Tauben" Gehör.

So stand jetzt zum erstenmal in einer ägyptischen Zeitung zu lesen, daß den Arabern in ihrem Verhältnis zu Israel ein schmerzhaftes Umdenken bevorstehe. "Die Forderung, daß Israel von der Landkarte verschwinden muß, wird weder von all unseren Freunden und Feinden noch von den Neutralen oder sonst jemandem in der Welt akzeptiert", schrieb Achmed Bahaeddin, der Chefredakteur von Al Mussawar. Diese Forderung bilde daher keinen glücklichen Ausgangspunkt; das arabische Beharren darauf habe nur bewirkt, "daß Israel die erste Runde gewann, ehe wir auch nur den ersten Schuß abgegeben hatten". Ähnlich nüchterne Erkenntnisse klangen im letzten Leitartikel des Nasser-Freundes Muhammed Heikal in Al Abram an. Schon vorher hatte der frühere Außenminister und jetzige Sonderberater Fausi der Londoner Sunday Times erklärt, wenn Israel den Palästinaflüchtlingen ehrenhafte Wiedergutmachung leiste, seien alle anderen Streitfragen negotiabel.

Solchem Umdenken auf arabischer Seite entspricht eine gewisse Ernüchterung auch in Israel. Sie mag erklären, weshalb israelische Diplomaten beflissen darauf hinweisen, daß die Jerusalemer Altstadt nicht annektiert, sondern nur "administrativ vereinigt" worden sei; sie steckt hinter jenem Angebot des Kabinetts Eschkol, das allen arabischen Flüchtlingen freistellt, bis zum 10. August in ihre Heimat zurückzukehren; und auf sie vor allen Dingen ist wohl zurückzuführen, daß, Mosche Dayans unaufhaltsam scheinender Aufstieg zur Ministerpräsidentschaft zunächst einmal abgebremst worden ist. Der ersten Siegestrunkenheit folgt ein gewisser Katzenjammer. Die Mehrheit ist bereit, die besetzten Gebiete gegen eine arabische Anerkennung des Staates Israel und seiner Grenzen oder gegen ausreichende Sicherheitsgarantien der Großmächte wieder herauszurücken.

Realismus scheint auch in Moskau die neue Losung zu sein. In der vergangenen Woche sprengte sich vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz ein gewisser Nikolas Kryssenkow in die Luft – ein Protest-Selbstmörder nach buddhistischer Bonzen-Art, der mit dem Ruf "Man muß kämpfen!" auf den Lippen starb. Das Zentralkomitee jedoch war nicht seiner Meinung. Es billigte die moderate Nahost-Linie der Troika Kossygin-Breschnew-Podgorny und setzte den für einen harten Kurs plädierenden Moskauer Parteisekretär Jegoritschew ab.

Der Kreml tut ein Anstandsminimum zur Unterstützung seiner vorderorientalischen Klienten – daher die Lieferung der (uralten) MIG 17 und anderer Waffen an Ägypten. Aber die Sowjets werden sich nach allem Vorangegangenen nicht wieder den arabischen Heißspornen ausliefern. Sie mahnen zur Zurückhaltung und lehnen jede Fortführung der Kämpfe ab. Die Idee eines "mittelöstlichen Vietnams", eines Guerillafeldzuges gegen Israel, hat in Moskau keinen Anklang gefunden. Und bei der in Kairo tagenden Afro-Asiatischen Solidaritätsorganisation warnte der Sowjetdelegierte Nischanow unmißverständlich vor der "physischen" Wiederaufnahme des Kampfes.

Gewiß schwebt über jedem dieser Silberstreifen noch immer eine graue Wolke. In Kairo ist das ominöse Wort von der "zweiten Runde" im Schwange, und der Rektor der Alascha-Moschee hat eben wieder zum Heiligen Krieg aufgerufen. In der Jerusalemer Krisenkoalition herrscht ein prekäres innenpolitisches Gleichgewicht; die Harten sind zu schwach, ihr eigenes Maximalprogramm durchzusetzen, aber stark genug, die Formulierung einer flexiblen Politik zu verhindern – vor allem die öffentliche Festlegung der Bedingungen, unter denen sich Israel aus den besetzten arabischen Gebieten zurückziehen würde. In Moskau jedoch wird Jegoritschew nicht der einzige "Falke" gewesen sein. Eine verspätete Polemik in Za Rubeshom gegen das Gipfeltreffen machte deutlich, wie wenig manchen Sowjetführern die Vorstellung behagte, daß Kossygin, während amerikanische Bomben auf Nordvietnam fielen, McNamara die Hand schüttelte. Es wäre verwunderlich, wenn im Kreml nicht Anhänger einer sowjetischen Abart der "Domino-Theorie" argumentierten: "In Vietnam die Augen zudrücken, in Mittelost stillhalten – wo soll das enden?"

Es gibt noch immer "Falken" – überall; und der Ausgang der Debatte ist ungewiß. Doch scheinen im Augenblick die "Tauben" Aufwind zu haben. Theo Sommer