Salzgitter

Der bundeseigene Stahlkonzern im Zonenrandgebiet ist 1965/66 auf der schon seit einigen Jahren befahrenen abschüssigen Bahn ein gutes Stück weiter bergab gerutscht. Der Jahresverlust, der schon im Vorjahr einen Rekord erreicht zu haben schien, hat sich noch einmal um fast die Hälfte auf 183 Millionen Mark erhöht. Zugleich mußten die Abschreibungen um 66 Millionen Mark gedrosselt werden, weil sie nicht verdient worden sind. Rechnet man beides zusammen, dann ergibt sich ein Minus von einer runden viertel Milliarde Mark. Damit steht Salzgitter in der Reihe der großen westdeutschen Stahlkonzerne, die in den letzten Jahren wegen der anhaltenden Stahlflaute Federn haben lassen müssen, bei weitem an der Spitze.

Wenn man fragt, wie es zu diesen geradezu skandalösen Ergebnissen kommen konnte, stellt sich heraus, daß Salzgitter sich in den zurückliegenden Jahren gründlich verkalkuliert hat. Gestützt auf die Gewißheit, daß der Bund das Unternehmen nicht im Stich lassen würde, sind nicht nur überdimensionale Investitionen durchgeführt worden, zum Beispiel im Erzbergbau und in der Modernisierung der frachtungünstigen Hütte, sondern vor allem auch durch Beteiligungen in der Weiterverarbeitung.

Das Engagement bei Büssing, von dem man zwar Anlaufverluste erwartet, dann aber bald mit guten Gewinnen gerechnet hatte, ist zur hauptsächlichsten Verlustquelle des Konzerns geworden. Die Lastwagen- und Omnibusfabrik hat allein das Ergebnis 1965/66 mit 110 Millionen Mark Verlust belastet. Es zeigt sich – Skeptiker haben das schon vor Jahren vorausgesagt –, daß die Beteiligung an Büssing eine krasse unternehmerische Fehlentscheidung gewesen ist, die nicht mit dem Hinweis auf eine schlechter gewordene Konjunktur vertuscht werden kann.

Eine von vielen Fehlentscheidungen, zu denen zum Beispiel auch der kostspielige Bau der Warmbreitbandstraße in Salzgitter gehört. Sie ist natürlich heute längst nicht voll ausgelastet, obwohl es sich technisch um eine einwandfreie Anlage handeln soll.

Kommentar eines Ruhrmanagers aus der Stahlindustrie: „Wenn wir unser Unternehmen in ein solches Debakel hineingeritten hätten, hätten unsere Aktionäre uns längst zum Teufel gejagt.“ Der Bund als Hausherr in Salzgitter hat aber offenbar keine Veranlassung gesehen, personelle Konsequenzen zu ziehen, wobei offen bleiben muß, ob manche Fehlentscheidungen nicht etwa in Bonn verantwortet werden müssen. Der frischgebackene Bundesschatzminister Schmücker, der eigentlich aus seinem früheren Ressort etwas von der Wirtschaft verstehen sollte, ist vielmehr entschlossen, noch weitere Riesenbeträge in den ehemaligen Reichskonzern zu pumpen. Das aufwendigste Prestigeunternehmen müßte längst und sollte heute noch geschlossen werden – wenn nicht inzwischen fünf Milliarden Mark an Investitionen hineingesteckt worden wären – fünf Milliarden, die in den letzten Jahren keinen Pfennig Ertrag gebracht haben und auch im laufenden Jahr mit ziemlicher Sicherheit wieder ein verlorener Null-ouvert sein werden. hd.