Von Sandra Sassone

Der Angeklagte war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Er boykottierte das Gericht, weil es einige Zeugen der Verteidigung nicht zugelassen hatte. Der Gerichtshof „revanchierte“ sich für diese Brüskierung auf seine Weise: Er verdoppelte das vom Staatsanwalt beantragte Strafmaß. So wurde der aus Triest stammende 43jährige italienische Sozialreformer Danilo Dolci in Rom zu zwei Jahren Gefängnis und 1600 Mark Geldstrafe samt Prozeßkosten verurteilt.

Das Gericht sprach Dolci schuldig, einige prominente Christdemokraten aus Sizilien – darunter den ehemaligen Außenhandelsminister Mattarella und den Staatssekretär Volpe vom Gesundheitsministerium – verleumdet zu haben. Er war während des Prozesses den Beweis für seine Behauptung schuldig geblieben, daß diese Politiker engen Kontakt zur sizilianischen Mafia unterhalten hätten und durch die „ehrenwerte Gesellschaft“ in ihren Wahlkämpfen unterstützt worden seien.

Wieder einmal ist der eigenwillige Sozialapostel von Partinico bei Palermo in aller Leute Munde. Von den einen als tatenfreudiger Idealist verehrt, von den anderen als gefährlicher Schwärmer bekämpft, verfolgt Danilo Dolci seit Anfang der fünfziger Jahre mit unermüdlicher Zähigkeit sein großes Ziel: die Beseitigung von Unwissenheit und Elend auf Sizilien. Während sich unzählige andere norditalienische Intellektuelle seiner Coleur damit begnügten, anklagende Sozialanalysen über die Verhältnisse auf Sizilien zu verfassen und glühende Proteste veröffentlichten, packte Dolci an Ort und Stelle das Übel an der Wurzel: Er ließ sich in dem von der Mafia beherrschten Notstandsgebiet westlich von Palermo nieder, stieg hinab in das Milieu der Notleidenden. Getrieben von seinem christlichen Gewissen, begann er dort die missionarische Tätigkeit als „Entwicklungshelfer“ und „Seelsorger“. Er verwandelte den Fischerflecken Trappeto in ein „Gottesdorf“ und baute dort eine Erwachsenenschule, einen Kindergarten, ein Krankenhaus, ein Waisenhaus und eine Bewässerungsanlage. Seine Solidarität mit den Stiefkindern der modernen Wohlstandsgesellschaft ging sogar so weit, daß er eine arme Fischerwitwe mit fünf Kindern heiratete.

Bei der Beschaffung der Mittel für seine private Entwicklungshilfe kümmert sich Dolci kaum um die Grenzen der Konvention. Er schreckte, wenn er es für nützlich hielt, nie davor zurück, die Mächtigen zu provozieren. Mit dem Geschick des Demagogen nutzte er die Möglichkeiten der Massenkommunikationsmittel. Sein Drang nach Publicity mußte bei dem, der nicht die gute Sache in Rechnung stellte, oft peinlich wirken.

Auch scherte es Dolci wenig, daß die Kommunisten seinen Fall propagandistisch ausschlachteten. Er trat in den Hungerstreik, um Aufsehen zu erregen, er akzeptierte den Lenin-Friedenspreis, um zu neuen Mitteln zu kommen; er organisierte den Protest gegen die christlich etikettierte Gesellschaftsordnung und ließ sich dafür als Volksaufwiegler zu einer Kerkerhaft verurteilen.

Als einer, der das Gebot der Nächstenliebe ernst nimmt, beansprucht Dolci für sich das Recht, alles zu kritisieren, was er für kritikwürdig hält. Und er stößt dabei selbst die vor den Kopf, die ihm wohlwollen. Es ist sein Hang, neben der Sache, um die es geht, auch sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, der ihnen mißfällt.