Die schwelende Krise der Krankenkassen ist in ein akutes Stadium getreten: Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung von Westfalen hat den 50 Ortskrankenkassen seines Bezirks vorgeworfen, ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr zu erfüllen. Das Sozialgericht muß diesen Fall klären. Auch andere Kassen stehen vor finanziellen Schwierigkeiten. Eine Reform des ganzen Systems erscheint unausweichlich, aber noch immer zögert die Regierung.

Von Bruno Molitor

Die Soziale Krankenversicherung war einst der besondere Stolz der deutschen Sozialpolitik. Auf der internationalen Ebene galt sie als vorbildhaft. Heute kränkelt sie unübersehbar. Und zwar nicht in der Weise einer vorübergehenden Indisposition, sondern an einem schleichenden Übel. Das dürfte inzwischen allgemeine Überzeugung sein.

Freilich, in der Diagnose gehen die Meinungen auseinander. Die einen glauben, daß die Sozialeinrichtung teilweise fahrlässig ausgenutzt wird, und fordern als Bremsschuh irgendeine Form der „Selbstbeteiligung“ im Krankheitsfall, die die regelmäßigen Beitragszahlungen zu ergänzen hätte. Andere sehen im Anstieg der Arzneimittelpreise und der Kosten für den Krankenhausaufenthalt den eigentlichen Ruhestörer und versprechen sich wohl oder übel von Beitragserhöhungen das Heil. Genau das wird aber wieder von anderer Seite bezweifelt: die geltenden Beitragssätze hätten bereits die Grenze der zumutbaren Einkommensbelastung erreicht; einen Ausweg aus den finanziellen Schwierigkeiten könne nurmehr ein Staatszuschuß bieten, und am besten ginge man überhaupt zur Organisationsform eines staatlichen Gesundheitsdienstes über.

Mir scheint, daß solche Argumente nicht den Kern des Übels treffen. Sie bleiben an Symptomen hängen oder schießen übers Ziel hinaus. Bei Licht betrachtet, verbirgt sich hinter der heutigen Finanzmisere nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Konstruktionsfehler der Sozialen Krankenversicherung: sie ist nicht auf die Dynamik unserer Wirtschaftsgesellschaft zugeschnitten. In Wahrheit sind es der rasante medizinisch-technische Fortschritt und die korrespondierenden Verhaltensweisen der Wohlstandsbürger, die die Sozialeinrichtung auf die Probe stellen – also Faktoren, die das ursprüngliche Konzept, das immerhin aus der Bismarckzeit stammt, nicht vorwegnehmen konnte.

Der medizinisch-technische Fortschritt schlägt sich nieder in der Bandbreite und Spezialisierung der ärztlichen Leistungen, in der Ausstattung von Praxen und Krankenanstalten und den schier unübersehbaren Angeboten der Pharmazie. Mehr und mehr Krankheiten werden heilbar oder doch der Linderung zugänglich. Bessere Methoden der Gesundheitsförderung kommen auf. Vorsorgeuntersuchungen und Frühtherapie gewinnen an Gewicht.

Und vor dem Hintergrund dieser medizinischen Möglichkeiten verschieben sich auch die Verhaltensmuster der Betroffenen. Mit dem allgemein steigenden Wohlstand und dem Vordringen der Kleinfamilie wächst die Nachfrage nach Gesundheitsdiensten. Man will den Warnungen und Ratschlägen, die die modernen Massenmedien tagtäglich ausstreuen, folgen und Vorbeugung betreiben. Erkrankungssymptome werden kaum mehr auf die leichte Schulter genommen. Dafür ist die Furcht vor Schäden, die die Leistungsfähigkeit in Mitleidenschaft ziehen könnten, zu groß; denn von ihr hängt in der modernen Arbeitswelt nahezu alles ab.