Von Uwe Nettelbeck

Im Jahre 1957 verließ das damals sechzehnjährige Mädchen Gisela Kreutzmann die Stadt Halle und die DDR, seine nur doppelt so alte Mutter und den neunundzwanzigjährigen Stiefvater, der das Mädchen, das die Schwester seiner Frau hätte sein können, der Mutter vorzog, wenn er getrunken hatte. Sie sei erst fünfzehn gewesen, als es zum ersten Male passiert sei, sagt Gisela Kreutzmann. Sie habe das nicht ausgehalten, deshalb sei sie bei ihrem Onkel in Neckarsulm geblieben.

Noch in Halle hatte sie nach der Volksschule eine Lehre als Verkäuferin abgeschlossen; als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft arbeitete sie in Neckarsulm. Es sah so aus, als werde alles gut. Da aber bekam sie Streit mit ihrem Onkel, und der Onkel setzte das ihm zugelaufene Mädchen kurzerhand vor die Tür. Von diesem Tage an begann für Gisela Kreutzmann ein Leben, dem sie nicht gewachsen war.

Sie zog in ein möbliertes Zimmer, dann in ein zweites, schließlich verließ sie auch Neckarsulm und fuhr mit ihrem, damaligen Freund, einem Bundeswehrsoldaten, nach Heilbronn. Dort nahm sie eine Stellung als Verkäuferin in einem Bahnhofskiosk an; und weil sie warme Kleidung brauche für den Winter, ging sie mit dem Besitzer des Kioskes ins Bett.

Immer häufiger wechselte sie ihre Arbeitsplätze, zweimal arbeitete sie in einer Fabrik, einmal als Kassiererin in einem Kaufhaus in Tuttlingen, zwischendurch zog sie mit einer Zeitschriftenwerbegruppe durch Deutschland. Aber das war auch nicht das Rechte.

Sie verliebte sich. Sie hatte den jungen Mann bei der Zeitschriftenwerbung kennengelernt. Sie wollte ihn heiraten. Sie folgte ihm auch nach Wuppertal zu seinen Eltern. Doch wenige Tage nach ihrer Ankunft kam der junge Mann bei einer Wirtshausschlägerei ums Leben. Das war im Januar 1960.

Seine Familie nahm sich ihrer an. So kam es, daß sie sich mit dem Bruder des Getöteten einließ, wenige Wochen später schon, zur Karnevalszeit. Ihn liebte sie nicht, aber von ihm wurde sie schwanger. Da unternahm sie ihren ersten Selbstmordversuch. Am 11. November 1960 gebar sie ihre Tochter Margot.