Fritz Bauer: Auf der Suche nach dem Recht Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart, 280 Seiten mit 30 Tafelbildern, 12,80 DM

Wenn ein Historiker im nächsten Jahrhundert die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg beschreiben und wenn er dabei der deutschen Justiz ein Kapitel widmen wird, so kann er es als die Periode Fritz Bauers bezeichnen. Nicht weil Fritz Bauer den Charakter dieser Justiz bestimmt hätte, leider nicht, sondern deshalb, weil er der stärkste Motor und das schärfste Profil innerhalb dieser Justiz war und weil er einen unermüdlichen Kampf gegen die vielen Trägheitsmomente geführt hat, die sowohl in der Gesetzgebung wie in der Justiz wirksam waren.

Er hat zwei Funktionen gleichzeitig übernommen und erfüllt, die des Handelnden und die des Kritikers, und – wir können nun Gott sei Dank wieder im Präsens sprechen – wendet für beides neben außergewöhnlicher Sach- und Rechtskunde ein Übermaß von Arbeit, Energie und Leidenschaft auf. Seine energische Aktivität und der ihm eigene Mangel an Vorsicht und Rücksicht bringen es mit sich, daß er, der selber ein wichtiges Stück Obrigkeit ist, mit anderen etablierten Kräften oft in jene Reibung gerät, die Wärme verursacht und die der Demokratie so außerordentlich zuträglich ist.

Von ihm ist wieder ein Buch erschienen, in dem er eine Reihe von Arbeiten vorlegt. Er faßt sie unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Recht“ zusammen. Im ersten Teil werden die Grundbegriffe auseinandergesetzt, nicht mit akademischen Definitionen, sondern mit Perspektiven in die Geschichte zurück und mit dem, was die großen Geister zum Thema des Rechts, der Gerechtigkeit, der Schuld, der Vergeltung und so weiter gesagt haben. Dabei werden die Relativität und Wandelbarkeit der rechtlichen und moralischen Werte über die Jahrtausende und über die verschiedenen Kulturen hinweg ungemein deutlich sichtbar. Die radikale Rationalität Bauers setzt ihn in den Stand, die mythischen oder religiösen Wurzeln des Rechts bloßzulegen, anstatt sie, wie andere Rechtsdenker, durch neue irrationale, theologische, unpräzise Sammelbegriffe zu ersetzen, wie zum Beispiel den des Naturrechts.

Dabei stößt er, Strafrechtler, der er ist, bald auf das Problem der Vergeltung und der Willensfreiheit. Indem er die Religionen und Philosophen hintereinander abhandelt, wird anschaulich, wie die ursprüngliche und primitive Vergeltungsidee modifiziert oder gar, wie im Christentum des Evangeliums, ganz aufgegeben wird, oder wie von den Philosophen die Ursache an die Stelle der Schuld gesetzt wird. Die Rechtswissenschaft und die Juristen überhaupt stecken teilweise noch tief im primitiven Schulddenken, indem sie von einem in seinem Umfang unklar begrenzten Raum der Willensfreiheit ausgehen.

„Unsere Wissenschaften, die Biologie, die Psychiatrie, die Psychologie, die Psychoanalyse, die Soziologie, engen ihn zusehends ein. Kausalitäten werden deutlich, und früher unbekannte Größen verschwinden. Dabei darf nicht die Vorstellung aufkommen, als sei ‚Kausalität‘ eine Art von naturalem oder sozialem Band, das Ursache und Wirkung miteinander real verbindet. Sie ist, wie etwa die Schwerkraft, nur ein Bild, in Wahrheit gibt es nur statistische Feststellungen über die größere oder geringere Häufigkeit des Eintritts von Reaktionen bei Vorliegen gewisser menschlicher Dispositionen und sozialer Zufälligkeiten.“

Sehr gut ist das, was er über Schiller sagt und von ihm bringt. Von Schiller, der ja Naturwissenschaftler von Herkunft war, stammen einige großartige Formulierungen zum Thema Schuld und Notwendigkeit.