Von Jörg Drews

Da schlage ich die ZEIT vom 2. Juni 1967 auf und lese in Klaus Budzinskis Bericht „Liedermacher unter sich – Das Folklore-Festival auf Burg Waldeck“, der „unbestrittene Groß-Sangesmeister der Waldeck“, Franz Josef Degenhardt, habe „sein Niveau gehalten und seine Aussage präzisiert“; er gebe eine „literarisch differenzierte Zeitanalyse“ mit „auch musikalisch raffinierteren Mitteln“. Nun war ich freilich nicht auf Burg Waldeck zugegen, und auf der Kundgebung der Ostermarschierer in Frankfurt, wo ich Degenhardt hören wollte, war der Chansonnier aus irgendwelchen Gründen zu kommen verhindert. Man gestatte mir also, mich nur auf Degenhardts Schallplatten zu beziehen und auf eine Sammlung seiner Lieder, die vor kurzem erschien –

Franz Josef Degenhardt: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ – Balladen, Chansons, Grotesken, Lieder, mit vier Linolschnitten von Eduard Prüssen; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 112 S., 12,80 DM.

Und da kann ich weder von literarisch differenzierter Zeitanalyse noch von raffinierten musikalischen Mitteln etwas entdecken. Auf den Platten höre ich vielmehr nur: ein bißchen allgemein gehaltene Kritik an ebenso allgemeinen menschlichen Schwächen (die sich, in zeitgenössischer Gewandung, natürlich auch heute konstatieren lassen und im übrigen so zeitlos sind wie der gestirnte Himmel über uns), ein bißchen Anprangerung von Tabus, ein paar Lieder mit leicht (aber nur leicht) groteskem Einschlag (die Berliner Frühexpressionisten haben da schon 1912 ganz andere Sachen geschrieben), Lieder mit etwas schwarzem, aber meist nur grauem Humor; und was die Musik betrifft, so ist – wenigstens auf Degenhardts Platte „Von Null Uhr bis Mitternacht“ – die Brassens-Imitation geradezu penetrant spürbar.

Wie gesagt – es ist ja möglich, daß Degenhardt wirklich in letzter Zeit differenziertere Zeitanalysen gibt und seine Aussage präzisiert hat. Doch warum hat der Verlag dann nur Texte aufgenommen, deren politisches Engagement so vage ist, daß man es mit bloßen Augen kaum noch entdecken kann? Kritik an dem „großen Wagen, ... der protzig vor dem eigenen Haus steht“, eine Verhohnepipelung von einigen Tabus (Ehre, Ehe, Gott, Bundesverdienstkreuz) oder die Aufzählung von ein paar „typischen“ Details aus einem deutschen Kleinstadtsonntag – ist das schon Zeitanalyse?

Entweder also hat uns der Verlag eine nicht auf dem neuesten Stand von Degenhardts Thematik und Liedkunst sich befindende, entpolitisierte, dafür aber für weitere Verbreitung geeignete (weil politisch nicht anstößige) Sammlung präsentiert, oder aber das Buch spiegelt auch Degenhardts politische Tendenzen getreu wider, und dann ist es mit dem Engagement nicht so weit her. Dabei sei hier einmal, ganz abgesehen von dem Problem der Kritik mittels Folksong und Chanson, von der Frage also, ob da nicht nur löbliche, aber notgedrungen recht undifferenzierte Emotionen geweckt werden können, „linke“, tendenziell kritische Emotionen meinetwegen, die dann aber, weil sie eben nicht über den Begriff, nicht über Information und Reflexion gehen, ebenso vage und summarisch bleiben müssen wie die tabuierten Emotionen, gegen die mit dem „engagierten Lied“ aufgestachelt werden soll.

Doch „Zeitanalyse“ hin, „Aussage“ her – geht man die gedruckten Lieder Degenhardts durch, so finden sich mindestens zwei (aber eben unpolitische) Meisterstücke darunter: Ich meine einmal den Titelsong „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ mit der Geschichte von dem Kind, das die bürgerlich-reinlichen Eltern von den kleinen Schmutzfinken und Dreckspatzen auf der Straße fernhalten wollen, das auch gehorcht und doch als Mann am Ende sich bei den Schmuddelkindern wiederfindet, die ihm schließlich, als er tot „im Rattenteich rumschwamm“, höhnisch auf dem Kamm nochmals das Leitmotiv seines Lebens vorblasen: