Mit gemischten Gefühlen erwartet Präsident Johnson den Lagebericht seines Verteidigungsministers McNamara, der in dieser Woche zum neuntenmal den Kriegsschauplatz in Vietnam aufsucht. Kurz vor seinem Abflug wurde in Amerika das Ergebnis einer neuen Meinungsumfrage bekannt, wonach eine Mehrheit der Amerikaner dem Präsidenten nur noch eine Frist von zwei Jahren einräumen will, in denen er entweder den Krieg gewinnen oder Vietnam räumen müsse. Mehr denn je wird also der Präsident im kommenden Wahljahr von „Falken“ und „Tauben“ gleichermaßen in die Klemme genommen.

McNamara will an Ort und Stelle die Antwort auf zwei entscheidende Fragen finden:

1. Müssen noch mehr US-Divisionen nach Südvietnam geschickt werden?

2. Lohnt sich noch der Aufwand des Bombenkrieges gegen Nordvietnam?

General Westmoreland, zur Zeit Oberbefehlshaber über 480 000 Soldaten, hat eine Verstärkung um fünf Divisionen (150 000 Mann), mindestens aber um zwei Divisionen (etwa 70 000 Mann) verlangt. Der verlustreiche Zermürbungskrieg in der Nähe der entmilitarisierten Zone hat die Amerikaner gezwungen, Truppen aus den südlichen Landesteilen abzuziehen, wo sie eigentlich die befriedeten Dörfer vor Überfällen der Vietcongs schützen sollten. Gibt Johnson der neuen Forderung nach, so müßte er wahrscheinlich die Reservisten aufrufen und noch mehr Geld in das Unternehmen stecken. Beides könnte das Vertrauen der Bevölkerung in den amerikanischen Endsieg erschüttern.

McNamara möchte den Luftkrieg einschränken, da die meisten Ziele in Nordvietnam bereits bombardiert sind, ohne daß die Regierung in Hanoi auch nur ein Zeichen des Nachgebens hätte erkennen lassen. Die Generale im Pentagon hingegen verlangen noch intensivere Bombardements und eine Sperrung des Hafens Haiphong. Zur Zeit hat der Luftkrieg ein Ausmaß angenommen wie im letzten Weltkriegsjahr bei den alliierten Angriffen gegen Deutschland.

Die Ungewißheit der Amerikaner über den Fortgang des Krieges wiid noch vermehrt durch die Krisenanfälligkeit des Regimes in Südvietnam. Luftmarschall und Regierungschef Ky, seit zwei Jahren die Stütze der Amerikaner, hat bei den Vorbereitungen für die Präsidenten-Wahl im September eine schwere Niederlage einstecken müssen. Die Divisionskommandeure zwangen ihn. auf einen Wahlkampf gegen General Thieu, den Vorsitzenden der Offiziersjunta, zu verzichten. Zur Überraschung der Amerikaner treten jetzt die beiden Rivalen auf einer Liste auf: Thieu kandidiert für das Präsidentenamt, Ky für den Posten des Vizepräsidenten