Wie entsteht ein Medikament?

Von Nina Grunenberg

Der Chemiker, der gebeten worden war, mir beim Mittagessen in der "Jahrhunderthalle" der Farbwerke Hoechst zu erklären, daß im Anfang die Chemie ist, ließ nach einigen Minuten höflicher Bemühung alle zarte Rücksichtnahme beiseite und begann mit der selbstvergessenen Begeisterung des Theoretikers einen Exkurs über die aparten Möglichkeiten, die in den Molekülen seiner Wirkstoffe liegen. Bald legte er auch noch Messer und Gabel nieder und malte die Moleküle auf: Er baute auf dem Papier Verbindungen um, warf hier eine Chloridgruppe heraus, setzte dort eine Stickstoffgruppe an, löste die Bindungen wieder auf, knüpfte sie synthetisch neu und las in den Formeln mit der gleichen Hingabe wie Karl-Heinz Stockhausen in seiner Spezialpartitur für den "Zyklus für einen Schlagzeuger".

In der Entstehungsgeschichte eines Medikaments beansprucht der Chemiker den Platz des Schöpfers – ungeachtet der Enttäuschungen, die er mit seinen Substanzen erlebt, wenn die Praktiker in der pharmakologischen und toxikologischen Abteilung des Hauses anfangen, sie zu untersuchen. Die anderen prüfen auf Brauchbarkeit und Sicherheit, was er geschaffen hat: aus einer natürlichen Quelle (einer Heilpflanze oder einem tierischen Organ), durch Kopierung der Natur (natürliche Wirkstoffe werden im Labor nachgebaut) oder durch die freie schöpferische Synthese. Die Zielrichtung seiner Arbeit wird von der medizinischen Forschungsleitung gelenkt und ergibt sich aus den Traditionen und Forschungsschwerpunkten seiner Firma. Innerhalb dieses Rahmens ist ein konkreter Anhaltspunkt der medizinische Bedarf, zusammengefaßt in der Frage: Durch was sind Ärzte zu veranlassen, mit leuchtenden Augen zu erklären, daß ihnen das Mittel X schon immer gefehlt hat. Anhaltspunkte sind weiter gegeben aus dem Vergleich der Beziehungen zwischen der molekularen Konfiguration und der pharmakologischen Wirkung bekannter Substanzen und aus der wissenschaftlichen Literatur. Natürlich versucht man auch gern, sich an den Erfolg eines Kollegen bei der Konkurrenz – die einen glücklichen Treffer gemacht hat – durch eine möglichst ähnliche und "nachempfundene" Verbindung anzuhängen (wogegen sich jede Firma durch einen möglichst breiten patentrechtlichen Schutz abzusichern versucht).

Sehr oft befaßt sich der Chemiker mit der Verbesserung schon vorhandener Medikamente, nach dem Leitsatz, daß das Bessere der Feind des Guten ist. Eines der bekanntesten Beispiele dafür sind die Sulfonamide, die schon vor dem letzten Kriege in Deutschland entdeckt wurden. Durch geduldige Molekül-Variationen wurden sie in jahrzehntelanger Arbeit zu den modernen Langzeit-Sulfonamiden mit Depot-Wirkung entwickelt, die vom Patienten nur noch ein- bis zweimal am Tage genommen werden müssen.

Obwohl es bis heute kein sicheres Kriterium gibt, um an einer chemischen Formel schon eine Wirkung abzulesen, hofft der Chemiker doch mit jedem neuen Stoff auf ein praktisch verwertbares Ergebnis, und das trotz der Faustregel, die bei Hoechst gilt: von 2000 Synthesen schafft es eine bis zur klinischen Prüfung, nach 5000 Synthesen hat man ein Handelspräparat.

"Seit Contergan"