Ob sie wollen oder nicht, alle Internate in der Welt schielen nach England. England ist das Mutterland des Internats, dort public school genannt; und diese urenglische Einrichtung wird zum wesentlichen Teil weiterhin Vorbild für ähnliche Institutionen bleiben. Die deutschen Internatsgründungen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nehmen deutlich Bezug auf die public schools.

Die public schools haben in ihrer mehr als 600jährigen Geschichte eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit bewiesen. Seit dem 14. Jahrhundert, über die Stürme von Reformation und industrieller Revolution hinweg bis zum heutigen Tage, haben sie stets Maßnahmen getroffen, die Erziehung den Forderungen eines veränderten Zeitgeistes anzupassen.

Eines der hervorstechenden Merkmale der englischen Internatserziehung ist heute der individuell ausgewogene Stundenplan. Die Leiter der Public schools sind in der glücklichen Lage, in ihren Entscheidungen völlig frei zu sein; einen Einheitslehrplan, der sich über Neigungen und Fähigkeiten der Schüler hinwegsetzt, gibt es nicht. Innerhalb gewisser Fächerkomplexe sind die intellektuellen Anforderungen aber ungleich höher und intensiver als an ähnlichen deutschen Schulen. In den letzten Jahren vor Schulabschluß lernen die englischen Internatsschüler den Seminarstil der Universität kennen: eigenständiges Arbeiten und Experimentieren.

Ausgeglichen wird diese intellektuelle Arbeit der Schüler durch ein vernünftiges Training in vielen Sportarten. Es ist zu bewundern, wie die englischen Internate in den letzten dreißig Jahren von der Überbetonung des Sports zu dieser sinnvollen Regelung gefunden haben. Es gibt wohl keine public school ohne eine stolze Krickett- oder Rudermannschaft, und von der Leichtathletik bis zum Tennis wird Sport in verschiedenster Form praktiziert. Aus den erzieherischen Wirkungen des Mannschaftssports vor allem hat man ja auch in Deutschland, an den Kurt-Hahn-Schulen besonders, einige Konsequenzen gezogen; aber noch unterschätzt man hier den Sport–auch als körperlichen Ausgleich zum eigentlichen, zuweilen überbetonten Schulbetrieb.

Eine andere Form des Ausgleichs bieten die in einer Vielzahl an jeder public school vorhandenen Interessengemeinschaften, die durchaus eigenständigen Charakter haben und alle irgend möglichen Wünsche berücksichtigen: von der Glasbläserei bis zum Poetenzirkel. Die gelungene Vereinigung von schulischen und außerschulischen Tätigkeiten wird entscheidend ergänzt und „überhöht“ durch eine bewußte Sozialerziehung. Das Ziel der public school seit Anbeginn war, verantwortungsbewußte Staatsdiener heranzubilden. Das bedeutete früher konkret: Vorbereitung auf den Staatsdienst. Deutlich wurde das in dem hohen Prozentsatz von ehemaligen Internatsschülern im Parlament und in der Kolonialverwaltung.

Heute geht es schlicht um die Erziehung zum demokratischen Staatsbewußtsein; und die Schüler bilden dafür ein Präfektensystem mit ganz entschiedener Eigenverantwortung für den äußeren und inneren Organismus des Internats. Da wird das Prinzip des to learn by doing, das auch sonst augenfällig ist, ganz deutlich.

Im Vergleich mit deutschen Internaten ist zu berücksichtigen, daß die englischen public schools stets den Vorteil absoluter Unabhängigkeit haben und somit weder staatlicher Mitsprache noch staatlichen Lehrplänen ausgeliefert sind; die Möglichkeit des Experimentierens wird also nicht eingeschränkt. „Vom Staat ist nichts Schöpferisches zu erwarten“, sagte seinerzeit Kurt Hahn, enttäuscht über das deutsche Schulwesen. Und wenn sich auch in den letzten Jahren vieles in deutschen Schulen gebessert und verändert hat – so lohnt es sich doch, weiterhin nach England zu blicken oder doch ein bißchen zu „schielen“. Christine Brinck